Aufsatz 
Die Chemie in ihrer gegenwärtigen Ausbildung und Wichtigkeit
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

ſage erſtarrter Empirie, weil die Alten bei ihren oft mühevollen Beobachtungen und zeitraubenden und koſtſpieligen Unterſuchungen zu einem Zwecke, der ihrem Weſen völlig fremd iſt, eine Methode befolgten, die niemals zum erwünſchten Ziele führen konnte, und ſich heute noch bei allen denen bitter an der Geiſtesentwicklung rächt, die ſie befolgen. Sie gingen nämlich bei ihren Forſch⸗ ungen ſtets von allgemeinen Betrachtungen aus und ſuchten aus dieſen das Beſondere zu erklären, ſtatt aus den Einzelbeobachtungen die Lehre zu faſſen. Kurz: die älteren Gelehrten glaub⸗ ten Alles durch das Denken zu ergründen, die neueren aber wiſſen, daß dem Denken die Wahr⸗ nehmung, die Beſchauung, die Beobachtung vorausgehen muß. Jene ſtellten Theorien auf, aus denen ſie die Thatſachen folgerten, dieſe aber folgern die Theorie aus den Thatſachen.

Wenn indeß dieſe Auffaſſung im Weſentlichen den Unterſchied zwiſchen der Forſchung älterer und neuerer Zeit characteriſirt, ſo kann doch eingeräumt werden, daß auch im Alterthum Einzelne das Unzuverläſſige ihrer Methode ahnten; den trotz des die Methode beherrſchenden Idealismus unterſchieden ſich ſchon die Schulen der praktiſchen Weltweisheit hinſichtlich der Beſtimmung des Urgrundes alles Vorhandenen.

So war es Thales, welcher das Waſſer als den Urſtoff aller Dinge kennzeichnete, während Anaximenes in der Luft das Urprincip alles Geſchaffenen erkannte. Auch hatten andere griechiſche Weltweiſen, von der Wichtigkeit der Beobachtung und des chemiſchen Verſuchs im Dienſte der Naturforſchung wenigſtens eine Ahnung. Demokrits Schriften ſprechen dafür, und der griechiſche Weiſe Ariſtoteles ſpricht es unverholen aus, obwohl die Art ſeiner Forſchung ſeinen beſſeren An⸗ ſichten widerſtreitet, daß nämlich durch des Menſchen Denkvermögen nichts erzeugt werden könne, was nicht auf dem Wege der Beobachtung die geiſtigen Reflexionen bedinge.Nur der Verſuch liefert uns, ſagt er, den Stoff, aus dem allgemeine Principien gefolgert werden ſollen, die Logik iſt nichts, als das Inſtrument, das der Wiſſenſchaft die Form ertheilt. Hätte Ariſtoteles in dieſem Sinne conſequent geforſcht, ſo wäre von ihm bis auf Lavoiſier mehr für den Fortſchritt geſchehen. Auch bei anderen Völkern, die mehr oder weniger im griechiſchen Geiſte forſchten, bedurfte die Naturerkenntniß hunderte von Jahren, um eine Spanne weit vorwärts zu kommen.

So gibt uns zwar das Studium der Historia naturalis von Plinius dem Aeltern die Ueber⸗ zeugung, daß die alten Römer bei ihren zahlreichen Eroberungszügen ein offenes Auge für die Beobachtung der Natur hatten, und daß ſie namentlich die Erfahrungen Anderer ſammelten, und, freilich oft ohne erkennbaren Zuſammenhang, die Thatſachen gruppirten; allein das tiefere Ver⸗ ſtändniß der Erſcheinungen, daswarum ſo und nicht anders, war ihnen fremd. Eben dieſer Art zu forſchen mag es zuzuſchreiben ſein, daß ganze Zeitalter hindurch richtig erkannte Thatſachen auf ſpätere Generationen nicht einmal vererbten, ſondern von denſelben in einer Weiſe aufgefaßt wurden, die dem Entwicklungsgange des menſchlichen Geiſtes geradezu Hohn ſpricht. Während z. B. die Alten recht wohl wußten, daß das Waſſer mancherlei feſte Subſtanzen zu löſen vermag, die beim Verdunſten und Verdampfen als feſte Rückſtände verbleiben, nahm man im Mittelalter an, daß ſich das Waſſer in Erde verwandeln laſſe.

Vom 1. bis ins 4. Jahrhundert ſchweigen ſogar die Nachrichten von der Exiſtenz der Chemie ganz. Erſt ums Jahr 340 n. Chr. begegnen wir in einem Werke des Julius Firmikus Aeußerun⸗ gen, welche uns belehren, daß man die Jahrhunderte hindurch geſammelten chemiſchen Thatſachen als zuſammengehörig gruppirte, ſowie, daß es Leute gab, die man Chemiker nannte. Allein deren Thätigkeit war weitere Jahrhunderte hindurch einzig und allein nur darauf gerichtet, Metalle zu verwandeln, namentlich Gold und Silber zu machen.

Als man nänlich durch Zufall die Erfahrung gemacht hatte, daß Kupfer, in gewiſſem Ver⸗ hältniſſe mit Zink vermiſcht, ein goldgelbes, mit Arſenik vermiſcht dagegen ein ſilberweißes Metall