Aufsatz 
Die Chemie in ihrer gegenwärtigen Ausbildung und Wichtigkeit
Entstehung
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ſchwinden; daß im Allgemeinen alle einfachen Stoffe ſich unter einander in den mannigfaltigſten Gruppirungen verbinden und ſo neue Körper bilden, deren phyſiſche Eigenſchaften ganz andere find, als die der Beſtandtheile.

Jede dieſer Erſcheinungen, deren Reſultat die theilweiſe oder gänzliche Veränderung eines Körpers iſt, ſo daß unter Temperaturwechſel die Form, die Farbe, die Schwere, ſowie die durch den Geſchmack⸗ und Geruchsſinn wahrnehmbaren Eigenſchaften des Objektes verſchwinden und neue Körper erzeugt werden, iſt ein chemiſcher Vorgang.:

Die Geſetze dieſer Vorgänge, nach welchen die Verbindungen der einfachen Stoffe zu neuen Körpern und umgekehrt die Zerſetzung derſelben wieder in ihre Beſtandtheile erfolgt, zu erforſchen und für's Leben nutzbar zu machen, das iſt die Aufgabe der Chemie.

Die chemiſchen Vorgänge ſind es ſeit der Entſtehung der Erde an geweſen, welche ungeſtaltend auf das Geſchaffene wirkten, und immer noch nimmt man überall die Wirkungen der chemiſchen Thätigkeit wahr. Sie tritt uns überall entgegen, wo unſere Sinne forſchend fragen, welches bald hier, bald da die Grundurſachen und die Reſultate des ewigen Wechſels in der Natur ſind, dem wir fortwährend beobachtend begegnen, und der unabläſſig den Tod zu neuem Leben werden läßt. Sonach iſt das Geſchaffene vollkommen unvernichtbar und wird es auch von Zeit zu Zeit unſerer Wahrnehmung entzogen, ſo iſt es doch nur ſcheinbar verſchwunden und unſere Wiſſenſchaft vermag es der Beobachtung zurückzugeben.

Werfen wir nun den prüfenden Blick auf einzelne chemiſche Vorgänge. Hier findet ſich z. B. daß viele Metalle ſich beim Liegen in feuchter Luft mit einem Ueberzuge beſchlagen, der das Ge⸗ wicht vermehrt, die Form, die Farbe verändert und ſomit geht das Metall in einen andern Kör⸗ per über, aus dem man dasſelbe aber wieder auszuſcheiden vermag. So löſt ſich verbrennendes Holz größtentheils in luftförmige Stoffe auf, welche von den Pflanzen als Nahrungsmittel aus der Luft aufgeſogen werden, und ſomit wieder Holz oder andere pflanzliche Stoffe bilden.

So zerfallen ferner alle zuckerhaltige Stoffe durch die Gährung in Alkohol und Kohlenſäure, Alkohol und Kohlenſäure aber enthalten genau dieſelben Urſtoffe in der nämlichen Menge, wie ſie der Zucker enthielt, aus dem ſie entſtanden. Die zur Fortpflanzung in den Boden gelegte Kartoffel wird glaſig, endlich faul; aus ihr entwickelt ſich ein Pflänzchen, das nach ſeiner Vollendung in ſeinen Knollen den nämlichen Stoff ſeines Uranfangs, d. h. das Stärkemehl und außerdem Eiweiß und Kleber enthält; Stoffe, die den Thieren zur Nahrung dienen, ſich in dem thieriſchen Körper in Blut, Fleiſch, Milch ꝛc. umbilden und bei deren Zerſetzung ſich wieder in ihre Urbeſtandtheile auflöſen, die dann vom Pflanzenreich anderweit zur Nahrung verwendet werden.

Und wie verhält es ſich mit dieſen Vorgängen im Thierleben? In den Lungen der Thiere trifft z. B. der Sauerſtoff der eingeathmeten Luft mit dem Blute zuſammen; dabei verändert das Blut ſeine Farbe, es wird hellroth und die Luft verliert ihre Eigenſchaften, ſie wird zu Kohlenſäure. Indem ſich durch dieſen chemiſchen Vorgang fortwährend im thieriſchen Körper Wärme entwickelt, wird der Kohlenſtoff(vorher im Blut) zu pflanzlichen Subſtanzen, deren Genuß von Seiten der Thiere den nämlichen Vorgang in denſelben erzeugt.

Hiernach begegnen wir den chemiſchen Proceſſen nicht nur in dem rein unorganiſchen Reiche, ſondern auch im Keim der Pflanzen, im erſten Athemzuge der Thiere. Chemiſche Proceſſe beglei⸗ ten das Lebende bis über das Grab hinaus. Und machen ſich gleichwohl während des Lebens in der organiſchen Welt noch mancherlei nicht vollkommen erforſchte Einflüſſe bemerkbar, und kennen wir auch die ZauberinLebenskraft nur aus deren für's Auge wahrnehmbaren fertigen Gebilde, ſo hören doch dieſe Einflüſſe nach dem Tode der Einzelweſen auf, und den chemiſchen Proceſſen bleibt eine unbeſchränkte Uebung ihrer Thätigkeit, die ſich zwar zunächſt zerſtörend, aber zugleich