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3. Ausdruck der Gefühle durch die Vernunftsprache.
Die dritte, geläufigste und ausschliesslich dem Menschen eigentümliche Art des Gefühls- ausdruckes vollzieht sich mittels der Vernunftsprache. Mittels der Worte suchen wir unsere Em- pfindungen festzuhalten, auch wenn das Empfinden selbst längst vorüber ist*). Wir reden von dem Gefühle des Hungers und Durstes, der Sättigung, der Wärme und Kälte, der Kraft und der Schwäche, der Lust und des Schmerzes, der Liebe und des Hasses, der Zuneigung und der Ab- neigung, der Freundschaft und der Feindschaft, der Freude und der Traurigkeit, des Behagens und des Unbehagens, der Sehnsucht und des Überdrusses, des Stolzes und der Demut, der Achtung und der Verachtung, der Schuld und der Unschuld, der Hoffnung und Verzweiflung, der Scham und der Reue, der Ehre und der Schande, der Dankbarkeit, Genugthuung, der Begeisterung und Ent- täuschung u. v. a. Wir reden von Gottesfurcht, Menschenfurcht, Todesfurcht, Gespensterfurcht, Ehr- furcht; von Bangigkeit, Schrecken, Schauder, Entsetzen, Grauen und Grausen; von Unmut, Unwillen, rger, Indignation, Erregung, Erbitterung, Groll, Grimm, Zorn, Wut; von egoistischen und sympathe- tischen, von sinnlichen, ästhetischen, intellektuellen, moralischen, von angenehmen, unangenehmen und neutralen Gefühlen; von Selbstgefühl, Nationalgefühl, Schicklichkeitsgefühl, Weltschmerz. Man ist gut oder schlecht aufgelegt, aufgebracht, bekümmert, bestürzt, betreten, betrübt, empört, ergriffen, gefasst, gereizt, niedergeschlagen oder niedergedrückt, sorglos, ungehalten, verdrossen, vergnügt, ver- legen, verschnupft, verzagt, zufrieden. Wir fühlen uns angegriffen, beengt, beklemmt, gebunden, ge- fesselt, gedrückt, überwältigt, unangenehm berührt, verletzt, erschöpft, abgespannt, ermüdet, abhängig, gehoben, mächtig bewegt, geschmeichelt, gedemütigt, verpflichtet, unbefriedigt, elend, unglücklich, unwohl, erbaut, beseligt, beruhigt, getröstet, erfrischt, erquickt, wie neu geboren, frei von Schuld, heimisch oder ganz wie zuhause, noch nüchtern. Wir fühlen oder glauben zu fühlen, wie uns das Blut vor Entsetzen in den Adern gerinnt, wie uns ein eisiger Schauer durchrieselt, wie uns die Brust zum Zerspringen sich schwellt oder ein heisser Strom der Sympathie uns die Brust durchflutet. Wir reden von pharisäischem Mitleid, stoischem Gleichmut, hoffnungsloser Sehnsucht, süssem Grauen, wahrer Kreuzzugsbegeisterung. Und wie weiss der Dichter mittels der Vernunft- sprache seinen Gefühlen Ausdruck zu geben! Mittels der Worte lässt er uns seine Empfindungen
nachempfinden „Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt,
Die im Herzen wunderbar schliefen.“ Auch der Redner gebietet über die Empfindungen seiner Zuhörer; er kann sie rühren und entflammen, beschwichtigen und erbauen, die Gebildeten wie die Ungebildeten.
Nur übermässig starken Empfindungen gegenüber versagt die Vernunftsprache. Die Freude ist dann unaussprechlich, die Angst unsäglich, der Schmerz unnennbar, die Trauer stumm, das Unglück namenlos, das Behagen unbeschreiblich, das Leid unsagbar.
Vergleichen wir die beiden ersten Arten des Gefühlsausdrucks mit der dritten, so ergibt sich zunächst, dass Körperreflexe und Interjektionen die Gefühlssprache im engeren Sinne bilden, und dass sie auch zum Teile dem Tiere eigen und verständlich sind; ferner ist ermittelt worden, dass, falls die dritte Windung des vorderen, linken Gehirnlappens erkrankt, der Mensch die Ver-
*) Descartes, Über die Leidenschaften der Seele, und namentlich Spinoza, Ethik III Von dem Ur- sprung und der Natur der Affekte, IV Von der menschlichen Knechtschaft oder von den Kräften der Affekte, haben über die Gefühlsbegriffe manches Treffliche gesagt. Wir betrachten hier zunächst die äussere Seite der Sache.


