Aufsatz 
Über den Ausdruck der Gefühle. (Semasiologische Beiträge I.) / Engelbert Schneider
Entstehung
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nach der Mitte der Stirne zu. Vor Erstaunen wird der Mund geöffnet und die Augenbrauen werden in die Höhe gezogen. Man gähnt vor Langweile und Ermüdung, auch aus Sympathie. Die Zähne klappern vor Frost und Angst, sie knirschen in der Wut und in entsetzlichen Qualen. Der Ent- schlossene beisst sie aufeinander. Vor Arger und Uberraschung beisst man sich auf die Lippe. Beim Schmollen schiebt man die Unterlippe oder den ganzen Mund vor. In gedrückter Stim- mung lässt man den Kopf oder die Mundwinkel hängen. Vor Verachtung rümpft man die Nase oder verzieht den Mund. Vor Enttäuschung scheint Nase oder Gesicht sich zu verlängern. Im Gefühle der Freude und des behaglichen Wohlbefindens erscheinen Wangen, Stirne und Kinn voll und glänzend. Durch anhaltenden Kummer und Sorgen, durch heftige Leidenschaften wird das Gesicht dauernd gefurcht und Krähenfüsse legen sich um die Augen. Vor Verzweiflung rauft man sich die Haare, im äussersten Schrecken sträuben sie sich und können erbleichen.

Kränkung schnürt die Kehle zusammen. Heftige Erregung macht uns heiser. Ekel kann sich durch Erbrechen äussern. Man räuspert sich vor Verlegenheit, reibt sich die Augen oder kratzt sich hinter den Ohren. Vor gespannter Neugier verhält man den Atem, vor Sehnsucht atmet man tief, vor Angst gepresst. Sein Missfallen gibt mancher durch Zischen kund. Der Hochmütige wirft sich in die Brust und bläht sich auf. Vor Abneigung wendet er dem anderen den Rücken..

Freunde und Bekannte drücken und schütteln sich zum Gruss die Hände. Der Hilfe- flehende streckt oder breitet die Arme aus. Vor Verzweiflung ringt man die Hände, vor Behagen reibt sie sich mancher, voll Andacht werden sie gefaltet, vor Erstaunen zusammengeschlagen. Der Tiefbeschämte schlägt sie vor's Gesicht. Vor Freude klatscht man in die Hände. Vor In- grimm ballt man die Fäuste und schüttelt sie.

Der Entrüstete stampft mit dem Fusse den Boden. Vor Schrecken fährt man zusammen. Die Knie schlottern vor Angst. Furcht lähmt unsere Schritte oder treibt zur schleunigen Plucht. Erregung beschleunigt unseren Gang. Der Überraschte stutzt, der Entsetzte fährt oder taumelt zurück. Voll Ehrfurcht steht man auf oder beugt die Knie, kniet nieder oder verneigt sich. Das Kind hüpft und tanzt vor Freude. Der Übermüdete und Tiefbetrübte kauert sich nieder und legt den Kopf auf die Knie, die er mit den Armen umschlingt. Heftige Gemüts- erregungen, Freude, Wut, Erwartung, Angst, Mitleid u. a. verursachen vorübergehend oder länger andauernd ein eigentümliches schmerzhaftes oder beunruhigendes Gefühl in den Eingeweiden, das sich individuell verschieden durch hastige oder unsichere Bewegungen, durch peinliche äussere Ruhe, durch Stottern und Veränderung der Gesichtszüge auf die mannigfachste Weise kundgibt.

Man zittert vor Kälte, Furcht, Zorn, Hunger und Schwäche, auch vor grosser Freude und Erwartung.

Hilfeflehend wirft sich der Arme dem Mächtigen zu Füssen. Aus Liebe drückt die Mutter ihr Kind an's Herz und küsst es.

So war es vielfach seit Jahrtausenden. Die Menschen haben sich seit unvordenklicher Zeit geliebt und gehasst, gefreut und betrübt, gequält und erbaut. Die Geberden, Mienen und anderen Reflexe sind zum Teile allgemein menschlich und noch heute dieselben wie zur Zeit des alten Testamentes oder Homers. Gesellschaft und Erziehung haben indes bei uns nicht wenige Formen unterdrückt. Es erinnert dann oft nur noch ein Bild in der Sprache an die einstige Ge- berde. Andere wurden ihres Inhaltes entkleidet, andere auf die Rednerbühne und in's Theater verwiesen, wo grosse Schauspieler das Geberdenspiel auf's feinste ausbildeten. Aber auch die Unterschiede in dieser Art des Gefühlsausdrucks sind zwischen den einzelnen Völkern und Völker-