Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Zeiten unverändert erhaltene Brauch der feurigen Räder darſtellte? Wenn die Göttin Nerthus bei ihrer Segen und Fruchtbarkeit ſpendenden Wirk⸗ ſamkeit im Frühjahr eines Wagens ſich bedient, bis ihr Bildnis, nach der Rundfahrt im Lande vom Winterſchmutze durch die Fluten des Sees befreit, in ihr Heiligtum zurückkehrte; ſo erblicken wir die Göttin Iſis in einem Schiffe, das auf Rädern über Feld und Au ſich bewegt, gezogen von ihren Verehrern, den Webern, begleitet von den Opferprieſtern, unter ungeheurem Zulauf durch die Lande fahren. Denn Wagen, Schiff und Ge⸗ ſchirr ſind in deutſchem Glauben und Brauch nahe verwandt, ¹) iſt doch die Benne, der aus Ruten geflochtene und auf das Wagengeſtell geſetzte Korb⸗ wagen im Grunde nichts anderes als ein Schiff mit Rädern. Auch das Schiff war einſt die alleinige Quelle allen Lebens, als nach Ablauf der sintvluot kein lebendes Weſen ſich auf der Erde befand, außer denjenigen, welche aus der bergenden Arche hervorgingen. Der Umſtand, daß wir den c ar⸗ naval, den Schiffswagen, als Attribut der mütterlichen Erdgöttin finden, wird nun wohl nicht mehr auffallend erſcheinen; die Beziehung der heil. Katharina mit dem Rade zu den Arbeitern der Schiffswerften und der Schifferzunft ſich aufklären; nicht mehr kann es uns befremden, an den Früh⸗ lingsfeſten der Erdgöttin Schiffswagen, gleich⸗ bedeutend mit den Narrenſchiffen, durch die Straßen der Städte fahren zu ſehen und ihrem Feſte den Namen carnaval zu verleihen. ſah man in den Niederlanden und am Rhein, wie häufig noch jetzt, zu jeder Faſtnacht, entſprechend den Narrenwagen oder Gugelfuhren.²) Denn in die Frühlingsfeier miſchte ſich eine Erinnerung an das Ende der sintvluot.Am dritten Tage der Antheſterien, den Chytren, ſo genannt von einem in Töpfen dargebrachten Opfer an den chthoniſchen Hermes und die Geiſter der Abgeſtorbenen, nach der gewöhnlichen überlieferung für die in der

¹) Rochholz, Deutſcher Glaube und Brauch 2, 71 fl. ) Menzel, Deutſche Dichtung, 2, 10.

Narrenſchiffe

24

Deukalioniſchen Flut Umgekommenen; doch iſt dieſe nur das mythologiſche Bild für die winter⸗ liche Flut, welche ſich eben jetzt zu verlaufen an⸗ fing. ¹) Eine Erinnerung an die Deukalioniſche Flut ſcheint auch in den Plemochoen der kleinen Eleuſinien, welche im Februar gefeiert wurden, zu liegen.2) Beſaß doch auch Gordys, der Sohn jenes Triptolemos, welcher nach Ablauf der Flut Tarſus gründetes), einen ſchiffartigen Wagen oder ein karrenartiges, wunderbar geführtes Schiff4). über den Schiffswagen der Iſis, welchen ein Bauer von Inden bei Cornelimünſter 1153 erbaute, haben wir im erſten Teile dieſer Studie geſprochens). In einem Gedichte aus der Ambraſer Handſchrift,s) wird von Mauritius von Erun erzählt, daß er, um ein Turnier zu veranſtalten, wie die Gräfin Beamunt noch keins geſehen, ein großes von Räderwerk und Pferden getriebenes Schiff erbaut, mit dem er ſamt ſeinem Ge⸗ folge ſtolz und zum Staunen alles Volks durchs Land zum Turnier fährt. Die Turniere ſind aber nach unſerer Meinung nichts anderes als die ritterliche Ausbildung des volksmäßigen Kampfes zwiſchen Sommer und Winter im Frühjahre. Der Schiffswagen, car-naval, in den Aufzügen der Faſchingszeit iſt von gleicher Bedeutung wie die feurigen Räder, die Fackelläufe, die Funkenfeuer, eine Erinnerung an das Ende der allgemeinen Flut und den Anfang des neuen Lebens auf der Erde.

Es erübrigt uns noch über den Schauplatz der Begebenheit einige Mitteilungen zu machen, da durch die Bemerkungen des Dr. Linde im An⸗ hange*) zu Hockers,des Moſellandes Sagen Ver⸗ wirrung entſtanden iſt. 8) Um ſo mehr fühlen wir uns zu denſelben verpflichtet, weil wir im Laufe

¹) Preller, Griechiſche Mythologie I, 315 und I, 529. ²) Preller a. a. O. I. 618. ³) Creuzer, Symbolik, IV, 245.) Creuzer a. a. O. IV, 294 und 493.) p. 15. ff. 6) abgedr. in von der Hagens Germania IX 103.) a. a. O. p. 416. ff. 8) cf. Grimm, Mythologie I, 587. Kuhn, Herabkunft des Feuers 9697.