tritt, auch erinnern wir uns an einem ſolchen Baume in Arzbach bei Ems an der Lahn ein Windrädchen geſehen zu haben. Eine hierher ge⸗ hörige, holſteiniſche Redensart über das Gewitter lautet:„nu fährt de olde allwedder de bawen un haut mit sen ex anne räd. 1) Aus den Funken, die durch das Schlagen mit der Art in die Räder herausfahren, entſteht der Blitz in ſeiner ſprühenden Form, der für unſern Volksgebrauch weſentlich iſt.
Weil bei allen altherkömmlichen Frühlings⸗ feſtlichkeiten, in denen feurige Räder die Hauptrolle ſpielen, das Funkenſprühen derſelben ſo ſehr betont wird, daß der Tag der Feier, der Sonntag Invocavit, von ihm den Namen Funkenſonntag erhielt, ſowie auch die am nämlichen Tage in Schwaben²) auf den Hügeln entzündeten Feuer Funkenfeuer genannt wurden, ſo ſcheint der Gedanke nicht ausgeſchloſſen, daß man auch, grade um die Wirkung des Funkenſprühens zu erzielen, die Rad⸗ form gewählt, grade in dieſer Abſicht das Rad meiſtenteils mit Stroh umwunden habe, umſomehr, da neben den feurigen Rädern auch Fackelläufe er⸗ wähnt werden, teils in unmittelbarer Verbindung mit dieſen Gebräuchen,) teils, von ihnen losgelöſt, ſelbſtändig auftretend. Auch die Funkenfeuer, in denen die Flamme durch die Rauchwolke lodert, gehören hieher, da ſie nur eine Modiſikation des⸗ ſelben Vorganges ſind, den auch die feurigen Räder ausdrücken. Der Donnergott ſelbſt dreht im Sonnen⸗ rade den Blitzſtab um und lockt die feurigen, be⸗ lebenden Tropfen des Blitzes hervor. 4) Dieſe Beziehung der Sonne zum Blitz drücken nach Gaidoz5) jene Sonnenbilder aus, auf denen zwiſchen je zwei graden Strahlen ein geſchlängelter, die blitzende Thätigkeit des Sonnenkörpers darſtellender Strahl,
¹) Schwartz, Neue Jahrbücher der Philologie u. ſ. w. von Fleckeiſen und Maſius 1876 p. 378 ff. ¹²) Reinsberg⸗ Düringsfeld, das feſtliche Jahr p. 70. ³) cf. Kuhn, Herab⸗ kunft des Feuers und Göttertranks p. 95. ⁴) Mannhardt, Die Götterwelt u. ſ. w. 1, 61. ⁵) In dem oben ange⸗ führten Buche.
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ſich befindet. Die vom feurigen Rade abſpringenden Funken ſind die Lebenskeime der vegetativen und animaliſchen Natur, ſie ſind darum gleichfalls heilig wie die vom Mühlrad abſpritzenden Waſſertropfen, welche das im himmliſchen Naß enthaltene Lebens⸗ waſſer verſinnbilden. Dieſe Feuerfunken decken ſich mit den in den Veden uns begegnenden weltbildenden Atomen, welche wohl auch das Subſtrat der ato⸗ miſtiſchen Philoſophie das Demokrit geweſen ſein mögen. Bei der Umdrehung des Sonnenkörpers werden Atome, Sonnenſtäubchen abgerieben und in den Weltenraum geſchleudert, in welchem ſie durch innige Vereinigung mit der Materie der Grund allen Lebens werden. Dieſer Vorgang vollzieht ſich in den Frühlingswettern, während welcher das in der unfreundlichen Jahreszeit erſtorbene Natur⸗ leben von dem lebenſpendenden Sonnengotte durch die vom Blitzrad, dem alles Leben Schaffenden, abſpringenden Funken ihre Lebenskeime erhält, und dadurch die im Todesſchlaf liegende Erde zu neuem Leben geweckt wird. Dieſer Blitzfunke wurde in Orvandill ſogar zu eine Hypoſtaſe Donars, ¹) welcher nach einem altdeutſchen Gedichte des 12. Jahrhun⸗ derts, das handſchriftlich noch in Straßburg erhalten iſt, zum Orendel wird, jenem Sohne des Königs Eigel von Trier, der nach dieſem Gedichte den grauen Rock Chriſti nach Trier gebracht. Nach anderer Auffaſſung rühren die funkenſprühenden Blitze von den Hufen der den Gewitterwagen ziehenden Roſſe her. ²)
Wer wollte leugnen, daß, als die dichtende Phantaſie des Volkes in fortſchreitender Bildung mit der Zeit aus dem Sonnenrade einen Sonnen⸗ wagen entſtehen ließ, der im Lande umherfahrende Götterwagen mit dem verhüllten Bilde der Nerthus durch die fortwährende Reibung der Wagenachſe in der Radnabe einen dem Weſen nach völlig über⸗ einſtimmenden, der Form nach in manchen Stücken abweichenden Vorgang wie der ſeit der Väter grauen
¹) Mannhardt, Die Götterwelt der deutſchen und nordiſchen Völker p. 217. ²) Schwartz, Die poetiſchen Naturanſchauungen p. 97 fl.


