Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
Einzelbild herunterladen

fescennina, welche dem Frühlingsfeſte der Faſt⸗ nacht ſein eigenartiges Gepräge aufdrückt.

Die ſich ſo häufig um die Bergeshäupter und Seiten der Rieſen des Hochgebirgs wie hüllende Tarnkappen und Mäntel lagernden Wolkenmaſſen oder die, lang geſtreckten Gebirgskämmen mit Spitzen, Hörnern und Gipfeln täuſchend ähnlichen, Wolkenwände, welche an windſtillen Sommerabenden unbeweglich den fernen Horizont ſäumen, ſind der Anlaß geworden, daß die Indogermanen beide, Wolken und Berge, ineinander dachten und die einen für die andern ſtellvertretend verwandten. ¹) Sind doch die in dem wild entbrannten Götter⸗ kampfe der Giganten aufeinandergetürmten Berge, Oſſa und Pelion, nichts anders als Gewitterwolken⸗ berge.Sinnig erklärt eine Tiroler Sage den Nebel, der ſich bei heiterem Wetter, baldiges Un⸗ wetter verkündend, um die Berge legt, für den Mantel der Rieſen.Warum ziehſt du deinen Mantel denn bei ſchönem Wetter an? wird der Rieſe ſpöttiſch gefragt.Damit ich, antwortet er, bei ſchlechtem was ich will thun, das heißt, meinen Zorn auslaſſen kann. ²) Wenn daher von den Bergen, den Stellvertretern der Wolken, brennende Räder in die Flüſſe herabgerollt, oder Holzſcheiben von rotem Erlenholz in die Luft geſchleudert werden, ſo erblicken wir in ihnen die im Gewitter aus dem Wolkendunkel herniederfahrenden Blitze. Der Ge⸗ witterdrache, welcher ſtets eine Beziehung zu Waſſer, Schätzen und Jungfrauen hat, ſchlägt mit ſeinem Schweif große Ringe,,³) und in einem Märchen, unter welchem ſich ein alter Thörrmythus verbirgt, kommt ein Bruder vor, der beim Aufſuchen ſeiner drei ihm entführten Schweſtern mit dem Blitz kegelt, deſſen Kugel immer von ſelbſt zurückläuft, grade wie Thörrs Hammer immer wieder in ſeine Hand zurückkehrt. 4) Prometheus zündet ſeine facula, worin er während eines Gewittersb) das Feuer zur

¹) Kuhn in Mannhardts Zeitſchrift für Mythologie III, 368. ²) Alpenburg, Mythen p. 13. 3) Schwartz, die altgriechiſchen Schlangengottheiten p. 26.) E. Meier, Närchen Nro. 6.) Schwartz, die Poetiſchen Naturan⸗ ſchauungen p. 16.

22

Erde bringt, am Sonnenrade an. Viteleeicht haben die zum Glück ſeltenen Kugelblitze, weil ſie ſo langſam von der Wolke zur Erde hernieder⸗ fahren, daß ſie 1 bis 10 Minuten ſichtbar ſind, den Anlaß dazu gegeben, den Blitz unter der Geſtalt eines Rades darzuſtellen, oder das der modernen Auffaſſung fremde Bild eines Rades für den Blitz mag im Altertum dadurch ſich gebildet haben, daß man, Donner und Blitz in eins faſſend, des Blitzes Stimme mit dem Rollen eines ſchweren Wagens verglich. Fuhr doch auch Salmoneus, um den Zeus nachzuahmen, mit einem ſchweren Laſtwagen, Fackeln in den Händen ſchwingend, über eine eherne Brücke. Über das feurige Rad ſagt Schwartz: ¹) Das feurige Rad, was ich ²) ſchon in der deutſchen Mythologie und Kuhn ³) nun auch in der indiſchen als eine Auffaſſung des rollenden Blitzfeuers nachgewieſen habe. Wir dirfen bei dieſen feurigen Rädern nicht urſprünglich an den Sonnen⸗ oder Gewitterwagen denken, von dem das Blitzfeuer ausgeht, denn das Rad als das radiell Strahlende iſt für ſich allein älter als die Vorſtellung eines Wagens, die ſich erſt ſpäter aus dem Rade reſpective aus dem Sonnenroſſe entwickelte. Jedenfalls dürfen wir annehmen, daß die Anſchauung, die Sonne ſei die Urheberin des Blitzes, ſo lebhaft und allgemein war, daß man auch dem Sohne die Geſtalt der Mutter andichten konnte. Der in dem trieriſchen Frühlingsfeſte erwähnte Birkenbaum wird wohl in älteſter Zeit als pramantha in der Radnabe das Feuer entzündet haben, da bei einer in Obermed⸗ lingen in Schwaben abgehaltenen, ähnlichen Feier das Rad mittelſt der Nabe auf einen etwa 12 Fuß hohen Pfahl geſteckt und dann angezündet wurde. 4) An den Birkenbaum erinnern die heute noch auf dem Lande üblichen Mai⸗ und Kirmesbäume, an welchen ein grüner Kranz oder eine Krone von ausgeblaſenen Eiern die Stelle des Rades ver⸗

¹) Schwartz, Urſprung der Mythologie p. 83.²) Schwartz, Heutige Volksglaube p. 20. ³) Kuhn, die Mythen von der Herabholung des Feuers p. 21.) Panzer, Bayeriſche Sagen und Gebräuche, II, 240.