Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

Göttinnen, die mit der Fruchtbarkeit nach den beiden Seiten der Activität und Receptivität in Verbindung ſtehen, in erſter Linie bei ihren Früh⸗ lingsfeſten begleitet iſt. Dieſer aus den heidniſchen Religionen des Orients herübergenommene Orgias⸗ mus, das Raſen und Toben, die Tänze und üppigen Lieder, die lärmende, betäubende Muſik, das ek⸗ ſtatiſche Rufen und Rennen kehren in unſern Faſchings⸗ umläufen wieder. Denn die Merkmale des Or⸗ giasmus kommen, zeitgemäß moderniſiert, auch den lärmenden Freuden und dem Mutwillen der heutigen Faſtnacht zu, wie ſchon aus der Etymologie des Wortes, das vom Zeitwort vasen ausſchweifen entſtammt, hervorgeht. Auch der Glanzpunkt des tollen Mummenſchanzes, der Roſenmontag, ſteht zu der Königin der Blumen in keiner Beziehung, denn ſein Name iſt die plattdeutſche Bezeichnung für Raſenmontag. Tolle Laune, ausgelaſſene Zügel⸗ loſigkeit und Lascivität, die unter dem Schutze der unkenntlich machenden Maske ohne perſönlichen Nach⸗ teil an Ehre und Anſehen keck und kühn auftreten und infolge der weit gehenden Maskenfreiheit von niemand übel genommen werden dürfen, ſind das der Faſtnacht eigentümliche Gepräge. Das Weſen der Faſtnacht iſt Liebesrauſch, Orgiasmus. Aus den uns überkommenen Hochzeitscarmina und aus culturhiſtoriſchen Mitteilungen erſehen wir, daß in erſteren die Ärgernis erregende Unſitte herrſchte, anzügliche Witze und Zweideutigkeiten in jene Ge⸗ dichte hineinzuverflechten, daß bei Beſtellungen von dieſer Art Gelegenheitsgedichte vom Verfaſſer ſolche Frivolitäten geradezu gefordert wurden. Jung ver⸗ mählte Brautpaare wurden früher durch derbe Späße und Redensarten weinſeliger Hochzeitsgäſte arg behelligt, welcher Brauch durch die aus eben dieſem Grunde in Aufnahme gekommenen Hochzeits⸗ reiſen glücklicher Weiſe im Ausſterben begriffen iſt. In betreff der Hochzeitscarmina bemerkt Menzel ¹): Man muß die Dichter der Hochzeitscarmina in den ehemaligen ſlaviſchen Marken des öſtlichen Deutſchland, hauptſächlich in Leipzig und Breslau,

¹) Deutſche Dichtung 2, 308.

mit der uralten Sitte entſchuldigen, die es bei Hochzeiten gewiſſermaßen zur Pflicht machte, ſich ..... Freiheiten herauszunehmen, welche außer⸗ dem verpönt waren. Der Grund dieſer mit der dem deutſchen Volke eigenen ehrbaren Zucht und Sitte in ſeltſamem Contraſt ſtehenden Erſcheinung liegt darin, daß man in heidniſcher Zeit, in allem, was Leben ſchafft, das wirkſamſte Amulett wider die das menſchliche Leben in jedem Augenblicke ſeiner Exiſtenz, ganz beſonders aber bei feſtlichen Gelegenheiten freudiger Art bedrohenden Dämonen ſah. überall glaubte man das höhniſche Grinſen ſolcher ſchaden⸗ frohen Unholde wahrzunehmen und hielt ſich für berechtigt, zur Abwendung dieſer Gefahren die kräftigſten Schutzmittel zu gebrauchen. Die Römer ſtellten zum Schutze ihrer Gärten Statuen auf, die böſen Zauber fern halten ſollten meiſtens Götter mit Symbolen der Fruchtbarkeit und des Natur⸗ ſegens häufig auch letztere allein, was gleichfalls in Indien der Fall war. Darauf weiſen auch die Löwenköpfe an den Kirchenthüren hin.Der Löwen⸗ kopf an Kirchthüren entſpricht dem Meduſenkopf an den Rüſtungen der Alten, den Zungen fletſchenden Lallenkönigen an den Thoren der Schweizer Städte, dem Pferdekopf auf den Neidſtangen bei den alten Germanen, wie er nooch jetzt auf niederſächſiſchen Häuſern in Holz geſchnitzt wird. Er iſt ein Gegen⸗ zauber, der die im böſen Sinne Nahenden abſchrecken ſoll. ¹) Aus dieſen Gründen ließ ſich das ſonſt ſo ehrbar züchtige Nürnberg während der Faſt⸗ nachtstage die größten Gemeinheiten und Anzüglich⸗ keiten gefallen, wie ſie in den unflätigen Faſtnachts⸗ ſpielen von Folz und Roſenpluet uns noch anwidern, weil nach altem heidniſchem Herkommen in jenen Tagen jeder grobe Spaß einen Freibrief hatte. Auch die zu Reigentänzen angeſtimmten Frühlings⸗ lieder ſind aus den angegebenen Gründen ſchmutzig und ſchändlich.²) Einerſeits iſt es die verliebte Thor⸗ heit der amantes àmentes, andererſeit die licentia

¹) Menzel, Chriſtlliche Symbolik s. v. Löwe. ²) cf. Mone, Geſchichte des Heidentums VI, 143, 169. Holland, Geſchichte der altdeutſchen Dichtkunſt 481.