nicht nur nach den Anſchauungen des Heidentums im nördlichen Europa der Grund aller Zeugung, ſondern ähnliche Vorſtellungen ſcheinen auch bei den Griechen und Römern geherrſcht zu haben, da Veſta, das als Gottheit gedachte Feuer des Haus⸗ und Staatsherdes, die Beſchützerin des um den Herd ſich bewegenden häuslichen Lebens, auch zu dem Waſſer in Beziehung geſtanden zu haben ſcheint; in ihrem Heiligtum, welches täglich mit Waſſer beſprengt werden mußte, und zu Libationen durfte nur Waſſer aus einer beſtimmten Quelle oder dem Bache Numicius gebraucht werden. ¹)
Das Feuer bedeutet die alles reinigende Natur⸗ kraft, den Lebensfunken, im Menſchen die Seele. Es iſt das Element, an deſſen leuchtende und wärmende Energie alle Schönheit, Triebkraft und Ernährungsfähigkeit der Natur geknüpft iſt, das überhaupt dem Weſen der Gottheit am nächſten zu kommen ſcheint. Die aus dem alten Teſtamente in das Chriſtentum übergegangene Lehre, daß Gott dem Menſchen die Seele eingehaucht habe, iſt nicht ſo unvereinbar mit der heidniſchen Vorſtellung, als es auf den erſten Blick den Anſchein hat, denn das Feuer iſt dem Hauche, der Luft nahe verwandt, wie uns die bei unſern heidniſchen Vorfahren ge⸗ läufige Benennung roter Wind für Feuer belehrt. ²) Aber nicht jedes Feuer galt als belebendes Natur⸗ prinzip, ſondern nur das reinſte, glänzendſte und mit dem GCöttlichſten in der Natur, dem Licht, ge⸗ ſchwängerte Element, nämlich das vom Himmel kommende, heilige Sonnenfeuer, das man auf Erden wohl künſtlich erzeugen konnte, indem man Sonnen⸗ feuer in ehernen Hohlſpiegeln auffing, oder dadurch, daß man reines Feuer durch Drehung in einer Radnabe entſtehen ließ. Das Sonnenfeuer allein iſt der Urgrund allen Lebens, das uns in der Vegetation und den übrigen Lebeweſen der Natur entgegentritt.
Dieſe Kenntniß war bei den kindlichen Natur⸗ menſchen der Niederſchlag der aus der Beobachtung
¹) Livius I, 11, Plut. Num. 13 Tacit. hist. 4,53. ²) Wolf, die deutſche Götterlehre p. 85.
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himmliſcher Vorgänge geſchöpften Erfahrung. Im Gewitter ſah man den von dem Sonnenrade ab⸗ ſpringenden Blitz funkenſprühend das Himmelsfeuer zur Erde niedertragen, um die Erde zu befruchten und das abgeſtorbene Naturleben zu erneuern, denn das Gewitter war ihm die Vermählung des Sonnen⸗ gottes mit der Erdenjungfrau. Das Feuer iſt auch Sinnbild der Liebe, wie ſich aus den ſprach⸗ lichen Ausdrücken Liebesfeuer, Liebesglut, brennende, heiße Liebe und beſonders aus dem Worte Brunft ergibt, deſſen Etymologie auf das Zeitwort brinnan hinweiſt, das in ſeiner Grundbedeutung aufwallen und zwar nicht nur vom Waſſer, ſondern auch vom Feuer bedeutet, während die übertragene Be⸗ deutung heftige geſchlechtliche Leidenſchaft ausdrückt. An dieſe Bedeutung des Feuers erinnert das Volks⸗ lied: Kein Feuer, keine Kohle kann brennen ſo heiß, als heimliche Liebe u. ſ. w. ſowie ein Lied bei Docen, ¹) worin es unter anderem heißt: Kann nicht das Feuer kennen, das mir im Herz thut brennen. Mit der Deutung von Träumen, welche bei allen Völkern als prophetiſch galten, ſich be⸗ ſchäftigende Traumbücher erklären, daß vom Feuer träumen Hochzeit oder doch große Freude bedeute, und bei den Agyptiern wurde die zeugende Kraft als Urfeuer betrachtet. Aus dem Angeführten er⸗ hellt, daß Feuer und Liebe in der Volksanſchauung als analoge Begriffe galten und noch gelten.
In den Frühlingsgewittern erblickte man neben einer Beſiegung feindlicher Naturmächte auch die Vermählung der Erde mit dem Sonnengotte. Wenn im Lenz die Natur überhaupt von einem Liebes⸗ taumel ergriffen zu ſein ſcheint, ſo iſt dies im höchſten Grade im Frühlingsgewitter der Fall. Der Aufruhr in der Natur, das Raſen des Ge⸗ witterſturmes, die dunkele Wetternacht, aus welcher der zündende Strahl unter rollendem Donner zur Erde herniederfährt, die mächtig rauſchenden Platz⸗ regen ſind Bilder des Liebesrauſches; ſie ſind der Orgiasmus, jene aufgeregte, enthuſiaſtiſche Gemüts⸗ erregung, von welcher der Dienſt aller Götter und
¹) Misc. III. 1.


