hervorlockt, von dem die Friedenstaube einen grünenden Zweig als tröſtliches Zeichen der vom Fluch erlöſten Erde in das Lebensſchiff einliefert. In ähnlicher Weiſe wie der Makrokosmos bei der kosmogoniſchen Schöpfung aus dem Chaos und dem dasſelbe be⸗ brütenden Eros hervorgeht, entſteht das wiederer⸗ wachende Naturleben in jedem Frühjahr aus Sonnen⸗ wärme und Regengüſſen. Die Schöpfung des Welt⸗ ganzen ſchildert uns die Edda in großartiger, bei⸗ nahe knapper Einfachheit, aber die unvergleichliche Erhabenheit dieſes Ehrfurcht, Staunen und Be⸗ wunderung erregenden Vorgangs der Kosmogonie werfen den vollen Glanz der Dichtung auf der Seherin Ausſpruch, die Wöluspa.„Schon manches Jahrhundert vor Entſtehung der Erde hatte ſich am nördlichen Ende Ginnungagaps(Gaffen der Gähnungen) Niflheim gebildet: da war es dunkel und kalt; am ſüdlichen Ende aber Muspelheim, die Flammenwelt, die war heiß und licht. In Niflheim lag ein Brunnen, Hwergelmir, der rauſchende Keſſel, mit Namen. Aus ihm ergoſſen ſich zwölf Ströme, Eliwagar(die fremden Wogen) genannt, und füllten die Leere Ginnungagaps. Als das Waſſer dieſer urweltlichen Ströme ſoweit von ſeinem Urſprung kam, daß die in ihnen ent⸗ haltene Wärme ſich verflüchtigte, ward es in Eis verwandelt. Und da dies Eis ſtille ſtand und ſtockte, da fiel der Dunſt darüber, der von der Wärme kam, und gefror zu Eis und ſo ſchob ſich eine Eislage über die andere bis in Ginnungagap. Die Seite von Ginnungagap, welche nach Norden gerichtet iſt, füllte ſich mit einem ſchweren Haufen Eis und Schnee, und darin herrſchte Sturm und Ungewitter; aber der ſüdliche Teil von Ginnungagap ward milde von den Feuerfunken, die aus Muspelheim herüberflogen. So wie die Kälte von Niflheim kam und alles Ungeſtüm, ſo war die Seite, welche nach Muspelheim ſah, warm und licht, und Ginnungagap dort ſo lau, wie windloſe Luft, und als die Glut dem Reif begegnete, alſo daß er ſchmolz, da erhielten die Tropfen Leben, und es entſtand ein Menſchengebilde, das Ymir
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genannt wurde.“ Es war der gärende Urſtoff, die Geſamtheit der noch ungeſchiedenen Elemente und Naturkräfte. Ymir wird ſpäter von Börs Söhnen getötet, aus deſſen Blute die Götter Meer und Waſſer, aus ſeinem Fleiſch die Erde, aus ſeinen Knochen die Berge, aus ſeinen Zähnen, Kinnbacken und zerbrochenem Gebein die Felſen und Klippen bildeten..) Feuer und Waſſer, dargeſtellt in der deutſchen Kosmogonie durch die urweltlichen Ströme, die zu Eis werden, und die Feuerfunken ſind das Grundprinzip aller vegetativen und animalen Zeugung. Mone?) äußert ſich über die uns in der Edda überlieferte Weltſchöpfung:„Der ſo die Hitze ſendet, iſt der Gott in statu abscondito, der nie in die Erſcheinungswelt tritt und darum keinen Namen hat. Durch ſeine Kraft geht Licht, Wärme und Feuer in den Becher der Täuſchung über(Ginnungagap), und darin werden aus Niflheims Nacht, Eis und Kälte Lebenstropfen und aus dieſen der Weltleib Ymir. Sieht man auf den Grund der Sache, ſo iſt das nichts anders als die makrokosmiſche Zeugung und Geburt. Denn nach den deutſchen Religionen beſteht alle Zeugung in der durch Täuſchung bewirkten Vereinigung der beiden Gegenſätze Licht und Finſternis oder Feuer und Waſſer.“ In dieſer Darſtellung erblicken wir die Gründe vereinigt, aus welchen Thales von Milet und Pherekydos von Syros die Entſtehung der Welt herleiten. Dieſelben Urſachen Feuer und Waſſer gibt auch die heutige Geologie, nachdem ſie die ſchroff ſich einander gegenüberſtehenden Syſteme der Vulkaniſten und Plutoniſten ausge⸗ glichen hatte, an, als deren Wirkung die geſamte Erdfeſte ſich darſtellt. Die heiß flüſſige Innen⸗ maſſe, welche die feſte Erſtarrungskruſte ſprengt und durchbricht, und die geologiſche Thätigkeit des Waſſers, das durch Auflöſung und mechaniſche Zer⸗ ſtörung wirkt. Waſſer und Feuer, die Sinnbilder von Geiſt und Materie, ſind in ihrer Vereinigung
¹) cf. Simrock, Handbuch der Deutſchen Mythologie
p. 13 ff. ²) Geſchichte des Heidentums im nördlichen Europa V. 315.


