Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
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bin dein, wenn du biſt mein, ich bin dein lieber Valentein, beſchränkt man ſich heute darauf, daß man ſich gegenſeitig anonyme Liebeserklärungen, kleine Geſchenke und Neckereien beſonders Gedichte zuſchickt, welche Valentine genannt werden. ¹) Nach dem Morgenblatts) verdrängte der heilige Valentin den Gott Wali, den Rächer Baldurs, indem Hödhr durch des nur einnächtigen Walis Pfeile fällt. 3) Der Februar war bei den indogermaniſchen Stämmen der Anfang der neubelebten und ſchaffenden Natur. In Deutſchland klingt das Mailehen4) an, bei welchem die Dorfmädchen an den Meiſtbietenden verſteigert wurden, wohl in Erinnerung daran, daß in der älteſten Zeit der Bräutigam dem Vater oder dem Verwandten, in deſſen Mundium die Braut ſich befand, dieſe Mundſchaft abkaufen mußte, ehe er als ſeines Weibes Meiſter und Vogt ſie ehelichen konnte. Dieſer Gebrauch wie viele Züge der Früh⸗ lingsfeier ſind auf die Kirmess) übergegangen, bei welcher jedem Burſchen ſein Kirmesſchatz in ähnlicher Weiſe zugeteilt wurde, woraus ſich häufig ein zur Ehe führendes Verhältnis entwickelte.Heute zu Lehen, morgen zur Ehen, übers Jahr zu einem Paar. Auch heute noch iſt die Zeit vor Faſtnacht auf dem Lande eine für Begehung der Hochzeits⸗ feier ſehr beliebte Zeit. Für unſere Unterſuchung iſt es ein Moment von diagnoſtiſcher Wichtigkeit, daß der erſte Donnerstag in den Faſten und der darauffolgende Sonntag im Mittelalter den Bei⸗ namen Cananeat) führt, weil an dieſen Tagen das Evangelium von der Hochzeit zu Cana in der Kirche verleſen wurde. Der Donnerstag Cananea ſteht in ſinnbildlicher Verbindung mit dem Donners⸗ tage des Fronleichnamsfeſtes, weil die Verwandlung des Waſſers in Wein ein Vorbild der Verwandlung des Weines in das Blut Chriſti war. Dieſe beiden Tage, der Donnerstag Cananea und der darauf⸗

¹) Reinsberg⸗Düringsfeld, das feſtliche Jahr p. 34 u. ff. ¹) 1854 p. 333 ff. ³) Simrock, Handbuch der Deutſchen Mythologie p. 334 u. 35. ¹) Simrock a. a. O. 566. 5) Simrock a. a. O. p. 569. 6) Damberger, Synchroniſtiſche Geſchichte des Mittelalters, Kritikheft des erſten Bandes p. 36.

folgende Sonntag Dominica Cananea ſind das Datumu) der trieriſchen Frühlingsfeier. Hieraus ergiebt ſich bereits die Vermutung, daß die beiden erſten Teile des trieriſchen Frühlingsfeſtes mit der Vermählung des Sonnengottes und der Erdenjung⸗ frau zuſammenhängen. Die Bedenken, die ſich uns ſtets aufdrängten, wenn wir unſere Gedanken auf die ernſte Faſtenzeit richteten, in welcher keine Feſt⸗ lichkeit, keine laute Hochzeitsfeierlichkeit von der Kirche erlaubt war, und in welcher doch von der Kirche ſelbſt das Evangelium der Hochzeit zu Cana ver⸗ leſen wurde, ſchwanden, als wir fanden, daß der Sonntag quadragesima im Mittelalter die gross Vastnacht, Mannfastnacht, aller Mann Fasten²) hieß, weil vor dem neunten Jahrhundert die Laien ihre Faſten erſt mit dem Sonntag Invocavit be⸗ gannen. Invocavit iſt ein, nach dem Meßeingang genannter, anderer Name des Sonntags quadra- gesima. Wenn in der Regel jetzt allgemein als Datum der Vermählungsfeier der Natur die Wal⸗ purgisnacht angegeben wird, ſo erinnern wir daran, daß die Frühlingsfeſte von Faſtnacht an bis Pfingſten von derſelben Vorſtellung ausgehen, ja Kuhn hat l. c. nachgewieſen, daß die Frühjahrskämpfe ſchon um Weihnachten ſtattfinden. Die Phantaſie nimmt ſchon jetzt weg, was erſt künftige Monate bringen.³) Kämpfe ſind aber in die Phaſen des Liebelebens eng verflochten, denn nach alt indogermaniſcher Sitte wurde die Braut erſtritten, wie aus den Sagen des Pirithous, des trojaniſchen Krieges, des Raubes der Sabinerinnen und dem Raube der Perſephone hervorgeht. Wer das Glück hat, das heißt, wer geſiegt hat, führt die Braut heim. Daher ſind die ſtets jugendlich dargeſtellten Kriegsgötter nichts anders als Modificationen der Frühlingsgötter, von denen ſie ſich abgelöſt. Alle Kriegsgötter ſind ja eigentlich Kämpfer in der Atmoſphäre, iſt doch ſelbſt der all⸗ mächtige Himmelsgott Dyaus Zeug im Germaniſchen Tio, Zio ſchließlich zum reinen Kriegsgott ge⸗ ) In dem erſten Teile(Programm 1873) iſt das Datum unrichtig auf fetten Donnerstag und den Sonntag

quinquagesima verlegt. ²) Leiſt, Urkundenlehre p. 200. ³) Simrock, Handbuch der Deutſchen Mythologie p. 556.