worfen, und darauf ein mit brennenden Materialien umwundenes und rundum angezündetes Wagenrad unter wiederholtem Abfeuern kleiner Kanonen, welche auf dieſer Anhöhe geſtanden haben, den Berg herab⸗ gerollt. Dieſer herabgeſtürzten Feuermaſſe iſt nun die Reuterey entgegengeſprengt, und hat dieſelbe ſo lange mit anhaltenden Piſtolenſchüſſen begrüßet, bis dieſelbe an einem Orte liegen geblieben iſt; ſo, daß es den Anſchein eines feindlichen Vorpoſten⸗Gefechtes hatte. Nach dieſer Handlung zog ſich die Reuterey nochmal zur Stadt zurück, und vereinigten ſich beide Korps auf der Moſelbrücke, machten, in Begleitung ihrer Muſik, Beſuche in den Abteien und herrſchaft⸗ lichen Häuſern, wo ſie mit einem Glaſe Wein be⸗ ehrt worden ſind. u. ſ. w.
In dem erſten Teile des trieriſchen Frühlings⸗ gebrauches auf dem Pulsberge ſahen wir das Herab⸗ ſtürzen eines Birkenbaumes von ziemlicher Höhe. Derſelbe iſt Sinnbild des Blitzes, der gewaltigen Waffe des Siegers!) über die Winterdämonen, welcher, von der Hand des jugendlichen Sonnengottes geſchleudert, in dem erſten Frühlingsgewitter die Erdgöttin aus der langen Gefangenſchaft der Reif⸗ Froſt⸗ und Sturmrieſen befreite und dadurch Ver⸗ anlaſſung zur Erneuerung des abgeſtorbenen Jahres⸗ lebens der Natur geworden iſt. Der Sieger iſt der im Gewitterſturm auf ſeinem mit zwei Böcken be⸗ ſpannten Wagen einherfahrende Gott Thörr mit dem flammend roten Barte, um die Lenden den Stärkegürtel Megingiardhr geſchlungen, der mit der nervigen Fauſt unter dem Rauſchen ſeines Bartes den Miölnir mit zermalmender Wucht den unge⸗ ſchlachten Winterrieſen an die Köpfe ſchmettert. Mit ihrer Vernichtung hat die Herrſchaft der rauhen Jahreszeit ihr Ende, und iſt die gefangene und lei⸗ dende Natur von niederem Magddienſte erlöſt. Wenn nämlich die Wintergöttin, die Mutter Gans, mit ihrem Federkleid, dem Schnee, die Erde deckt und die unerbittlich zwingende Gewalt des rußigen Bären⸗
¹) Am Fuße des Berges lag eine Baſilika 8. Vie- toris, welche in dem vicus Voclaniorum ſtand. s. v. Wilmowsky, Archäolog. Funde in Trier und Umgebung Trier 1873.
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häuters die Natur in eherne Bande ſchlägt, dann muß die gefangene Königstochter, mißhandelt und verſpottet, als Aſchenputtel im ſchmutzigen Hauskleide Frondienſte leiſten und ſtrenge häusliche Arbeit ver⸗ richten;¹) oder aber nach andern Märchen²) wird der mütterliche Charakter der Erdgöttin ſelbſt ver⸗ wandelt, indem die allgemeine Hausmutter der Natur zur böſen Winterhexe wird, welche die Erde in ihrer Kahlheit und ſchmutzigen Färbung darſtellt. Sie erſcheint als Frau Holle mit der langen Potznaſe, die lange Naſe bedeutet die Eiszapfen des Winters, mit plattem Fuße von dem Treten des Spinnrades, mit hängender Lippe vom Netzen des Fadens, mit breiter Hüfte vom vielen Sitzen und triefenden Augen infolge des beim Spinnen ſich bildenden kleinen Abfalls. Denn auch im Winter iſt der geſchäftig waltenden Natur die wohlverdiente Ruhe nicht gegönnt, weil die unermüdlich ſchaffende Lebenskraft unter der Erde den Naturteppich für den kommenden Frühling wirkt. Das im Winter entſtellte und verhäßlichte Naturleben erſcheint daher in den Märchen als des Teufels Großmutter oder als böſe Winterhexe, die den jungen Frühlingsgott, im Winter armer Leute Kind, ſchlachten und verzehren will. Hänſels Schweſter jedoch, das ſchlaue Gretel, ſchiebt die Hexe in den glüheuden Backofen, befreit ihr Brüderlein und flieht mit ihm.3) Die Hexe kommt elendiglich um durch die Wärme des mit dem erſten Gewitter einziehenden Sommertags. Dieſe Vorgänge drückt die aus langer Beobachtung ge⸗ ſchöpfte und von Generation zu Generation vererbte Erfahrung der im Umgange mit der Natur groß gewordenen Landleute durch die Bauernregel aus: „Nach dem erſten Frühlingsgewitter hören die Nachtfröſte auf.“ Des Winters Macht iſt gebrochen. Der Erdenjungfrau Feſſelung, ein Sinnbild der im Winter gehemmten Wirkſamkeit der Natur, hat aufgehört,„vom Eiſe befreit ſind Ströme und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick.“ Nun erſt iſt dem jugendlich ſchönen Sonnengott,
¹) Grimm, Hausmärchen no. 21. ²) Grimm, Deutſche Mythologie p. 255. 3³) cf. Stöber, elſäß. Volksbüchlein 102


