Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
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überhaupt, deren Bedeutung nach dem Geſagten ſich von ſelbſt ergibt. ¹)

Wenn auf dem Sarkophag der Villa Albani in Rom die Vermählung des Peleus und der Thetis, auf einem des capitoliniſchen Muſeums ein Schlauch⸗ feſt, bei welchem Satyrisken auf Weinſchläuchen Tanzſprünge ausführen,²) und endlich auf dem Pam⸗ filiſchen Sarkophag desſelben Muſeums des Pro⸗ metheus Menſchenſchöpfung als Seitenrelief darge⸗ ſtellt iſt, ſo dürfen wir wohl auch erwarten, daß das alles Leben Schaffende ſich in Gräbern vor⸗ finde, als kräftiger Proteſt gegen die Vernichtung deſſen, was das überſinnliche nicht blos zu erfaſſen vermochte, ſondern auch in der Beſchäftigung mit demſelben ſeine vollſte Befriedigung fand, wenn auch nicht verſchwiegen werden ſoll, daß der größte Teil der vorchriſtlichen Heiden, denen die Unſterb⸗ lichkeit kein leerer Wahn war, nur die generelle im Auge hatte, nicht die individuelle. Im Jahre 1653 entdeckte man in Tournay das Grab Childerichs des I, in welchem man ein Stierhaupt fand, das ein Sonnenrad noch ausdrücklich an ſeiner Stirn trägt. 3) Die Merowinger leiteten, ihrer Stammſage zufolge, von einem ſtierartigen Weſen ihre Herkunft ab.Bei den Galliern und Germanen war der Gebrauch der fibulae, Brochen und Armſpangen zum Zuſammenhalten der Kleider und Haare ſehr beliebt, bei denen die koſtbarern ohne Zweifel aus dem römiſchen Reiche importiert wurden. Daher die zahlreichen galliſchen und germaniſchen Grabfunde mit zum Teil ſehr koſtbaren und kunſtvollen Spangen, welche hier und da wohl auch das Kreuz, in der Regel wohl vielmehr das vierſpeichige Rad aufweiſen. Belege a. a. O. 4)

Die Heranziehung des Rades als Schutzmittel gegen das Muetisheer, der Sitte den Störchen ein

¹) Grimm, Deutſche Mythologie 3, p. 1227 29. 2) Siehe in dem erſten Teil dieſer Abhandlung 1873 das p. 15 über Tandawa Geſagte. ³) Siehe die Abbildung bei Chifflet: Anastasis Childerici I, Antwerpen 1655 p. 141 und Lindenſchmit, Handbuch der deutſchen Alter⸗ tumskunde p. 70.) Kraus, Realenchelopädie der chriſt⸗ lichen Altertümer p. 505.

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Rad als Neſtbaſis zu überlaſſen, der ſchon bei Lucian!) erwähnten Strafe des Räderns und endlich der glühenden Holzſcheiben aus Erlenholz, welche von den ſüddeutſchen Burſchen am Funken⸗ oder Scheibenſonntag zu Ehren ihrer Schätze in die Luft geſchleudert werden, müſſen wir bis zur Sammlung der drei Teile dieſer Studie uns aufſparen.

Bevor wir jedoch zu dem zweiten Teile über⸗ gehen, wollen wir zum Beſten derjenigen Leſer, welchen der erſte Teil dieſer Studie(Programm 1873) nicht zur Hand ſein ſollte, den Hauptteil des hier in Frage kommenden Feſtberichtes nach derTrieriſchen Kronik aus der Feder des 1779 als Augenzeuge gegenwärtigen Appellations⸗Gerichts⸗ rats Müller hier wiederholen. /2)

Am erſten Donnerstag in den Faſten(damals 18. Hornung) hat die Metzger⸗ und Wollenweber⸗ zunft der Stadt Trier auf dem ſogenannten St. Markusberge anderſeits der Moſel, nahe bei dem auf der Anhöhe ſtehenden ſteinernen Kreuze, einen Birkenbaum von ziemlicher Höhe aufrichten laſſen, ohne dabei einige beſondere Feierlichkeiten zu beob⸗ achten. Am darauffolgenden Sonntag(21. Hornung) Morgens zwiſchen 8 und 9 Uhr, verſammelten ſich beide Zünfte auf dem Kornmarkte, die Metzger zu Pferde als Dragoner, und die Wollenweber als Grenadiere zu Fuße, jedes Korps bewaffnet und mit ſeiner eigenen Muſik begleitet. Von da ging der Zug über die Moſelbrücke, auf welcher die Wollenweber⸗Zunft zurückgeblieben iſt; die Metzger aber zur Stadt hinaus, bis zum Fuß des St. Markus⸗ berges, in der Gegend ungefähr, wo das beſchriebene ſteinerne Kreuz oben auf der Spitze des Berges ſteht, und auf welcher Anhöhe am vorhergehenden Donnerstag die beſchriebene Birke aufgerichtet war, vorgerückt ſind; hier machte man Halt. Sogleich wurde dieſe Birke umgehauen, den Berg herabge⸗

¹) de luctu 3. ²) Dr. Ladner, teilte mir dieſes mit; es gereicht mir zur großen Freude mit dem verdienten Forſcher Herrn Appellations⸗Gerichtsrat Müller als Kind unter demſelben Dache gewohnt und den hochbetagten, freundlichen Herrn öfters beſucht zu haben.