Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
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aus dem Liede von dem Schweizer Kuhreigen.Das Lied endet traurig: Der bekümmerte Sänger ſucht tief im Thale die Mühle, die nichts als Liebe mahlt, aber mit zerbrochenem Rade, und, ſtirbt er vor Kummer, ſo bittet er, legt mich ins Grab.¹) Die nämliche Idee bricht aus dem Eichendorf'ſchen Liede:In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad, mit ſolcher Einfachheit, Wahrheit und Allgemeinheit hervor, daß der angeſchlagene Liederton in den Herzen ſämtlicher Zuhörer mitklingen muß, weil er den durch das ganze Volk gehenden, hoch⸗ poetiſchen Laut gefunden, gefunden, was an Sehn⸗ ſucht und tiefem Abſchiedsſchmerz in aller Herzen lebt, ſo daß es nun von Mund zu Mund, von Herz zu Herz getragen wird, weil es, dem armen, ein⸗ zelnen Leben entfloh und in das unſterbliche Ge⸗ ſamtleben aufgenommen ward.

An die Beſprechung der Mühlräder reiht ſich naturgemäß die mit den Faſtnachtsfeuern und bren⸗

nenden Rädern auf gleicher Stufe ſtehende Alt⸗

weibermühle zu Nürnberg, Tripstrill in Schwaben und die Deutung ihres Weſens an, welche in den Faſchingsumzügen als ihnen eigentümlich auch heute noch eine nicht unwichtige Rolle ſpielt, weil in ihr durch Zurückdrehung der Zeit nach dem tiefſten Sonnenſtande das Alte wieder jung, das Häßliche wieder ſchön wurde, die rauhe Elſe zur ſchönen Sigeminne wird. /²2) Die Altweibermühle iſt der ewige Jungbrunnen des nach jedem Winter wieder er⸗ wachenden Naturlebens.

Die Vorſtellung des Glücksrades beruht auf derſelben Vorausſetzung wie das Rad oder die Kugel der Fortuna in der antiken Kunſt und Poeſie. Es iſt das zur Selbſtändigkeit gelangte, losgelöſte Attribut des Frühlingsſonnengottes. Denn die Sonne iſt die unerſchöpfliche Quelle allen Lichtes und Lebens, aller Wärme und Seligkeit, wenn ſie in ſiegreichem Gegenſatz gegen die lebloſe, ſtarre Todeskälte, gegen die Trauer, Armut und Dunkelheit der langen Winternacht mit ihren zauberkräftigen Strahlen den

¹) Menzel, Deutſche Dichtung 2, 349. Kinder⸗ und Hausmärchen III, 119.

2) Grimm,

heitern Farbenglanz der bunten Frühlingstage her⸗ vorlockt und ihre Lichtwellen vergoldend und ver⸗ ſchönernd über die ihr entgegenjauchzende Natur wirft. Alles atmet alsdann Leben, Wonne und Frohſinn und ſonnt ſich wohlgefällig im majeſtätiſchen Glanze ihres Strahlenſchimmers.Die Radform, entſprechend der Sonne und ihrem runden Lauf durch den Tierkreis, war ſchon in den brennenden Rädern, in den glühenden Holzſcheiben, in den Johannisblumenkränzen, in runden Gebäcken u. ſ. w. beliebt. ¹) Glück und Wunſch waren den Naturmenſchen der älteſten Zeit des vorchriſtlichen Heidentums ſynonyme Begriffe, in ihnen erblickten ſie den In⸗ begriff von Heil, Seligkeit und Vollkommenheit jeder Art. Bedeutſam heißt der Wunſch ſchon im Sanskrit manoratha,²) Rad des Sinnes, des Mutes, weil der Wunſch das Rad der Gedanken treibt. Allein jener Menſchen im Jugendalter der Welt Ideal war es nicht, rerum cognoscere causas, um da⸗ durch die felicitas zu erlangen, noch kannten ſie das Glück, das Erforſchliche erforſcht zu haben und das Unerforſchliche zu verehren, in ihrem unbe⸗ wußten Egoismus lag es ihnen fern, durch Beglücken ihr Glück zu ſuchen, bei ihnen war Frau Sälde zugleich Frau Minne, denn bei der Wahl zwiſchen Sinnenglück und Seelenfrieden haben ſie ſich für erſteres entſchieden. Die Berechtigung zu dieſer Behauptung entnehmen wir der die Schleier der Urzeit lüftenden Sprache, hier ſpeziell der Etymologie des Wortes Wunſch, welches mit der Sanskritwurzel wan gleich verlangen zuſammenhängt, woraus im Sanskrit wanita die Ehefrau, ahd. uunna Wonne, unini Freund und Liebling geworden iſt. Im La⸗ teiniſchen haben venia die Gunſt und Venus gleich begehrlich, die Göttin der ſinnlichen Liebe, in wan ihre Stammwurzel.³) Zahlreich ſind im deutſchen Altertum die Wunſchdinge, jene künſtlichen Zwerg⸗ geſchmeide, wie die Edda ſie nennt, darunter die Wunſchmühle und das Glücksrad, und das Rad

¹) Menzel, Deutſche Dichtung I, 185. ²) Grimm, Deutſche Mythologie 3, p. 1227. ³) Weigand, Wörter⸗ buch der Deutſchen Synonymen I, 179.