Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
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punkt das Rathaus mit dem höchſten Turme ziert. Um nur einige anzuführen, in welchen dieſe An⸗ ordnung getroffen iſt, erwähnen wir: Bautzen, Arnſtadt, Güſtrow, Lemberg, Krakau. Auch in den vlämiſchen Städten erhebt ſich auf den Markt⸗ plätzen ein architectoniſch ſchöner Belfried.¹) Dieſer bei Gründung der Städte ins Auge gefaßte bau⸗ liche Anordnung ſollte ein Bild ſein der vom pra- mantha durchbohrten Radnabe, welche ein das Leben der Stadt erhaltendes Feuer auf dem ſymboliſchen Herde der ganzen Gemeinde bedeutet, in gleicher Weiſe wie der runde Veſtatempel, Roms Staats⸗ herd, neben andern Sinnbildern der Fortdauer das heilige Feuer enthielt, an deſſen Erhaltung der Be⸗ ſtand des Staates geknüpft war. Auch dem Be⸗ ſchützer der Ehe im heidniſchen Deutſchland, dem Gotte Fròô ſcheinen Radkapellen gewidmet geweſen zu ſein,2) während in der Mitte der Bauernhöfe Oldenburgs und Weſtfalens auf der freien Tenne das Feuer auf niedrigem, runden Herde Tag und Nacht brennt, ein Sinnbild des ſelbſtändigen Haus⸗ halts, der Heimat und des Mittelpunktes des Haus⸗ ſegens, das nur beim Tode des Familienhauptes nach alter Sitte gelöſcht wurde, um von dem Nach⸗ folger neu angezündet zu werden. 3) Dieſelbe Sitte herrſchte in Rom. 4) Der Turm bedeutet wie die Pyramiden, Obelisken, Pagoden die zum Himmel lodernde Flamme.

Auch in den Volkslieder wird das Rad er⸗ wähnt und zwar ſtets in erotiſcher Bedeutung, nur daß an die Stelle des himmliſchen Vorbilds das in dieſer Hinſicht gleichwertige, irdiſche Nachbild, das Mühlenrad getreten iſt. Denn auch das Mühlrad war heilig, und die von ihm abſpritzenden Waſſer⸗ tropfen galten als Heilwaſſers) und wurden mit dem vom Sonnenrade abgeſprungenen Blitzfunken aufs engſte vermiſcht und vermengt, inſofern, als man

¹) Siehe Daniel, Handbuch der Geographie bei der Anführung der genannten Städte.) Birlinger, Volks⸗ tümliches aus Schwaben I, 504. ⁶³) Daniel, Handbuch der Geographie 2 IV 852.) Juvenal 3 214. 5) Grimm, Rechtsaltertümer 799.

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ſtatt Funken Tropfen des Blitzes ſagte, ihnen aber die Epitheta belebt und feurig beilegte, um die Unentbehrlichkeit der beiden Elemente bei der Lebens⸗ weckung und dem Wachstum der neubelebten Pflanzen und Tierwelt im Lenz zu bezeichnen. In der Edda werden nämlich an mehreren Stellendie belebten, feurigen Tropfen des Blitzes angeführt.) Daß der Donnerstag nicht nur Glückstag der Wagner, Schloſſer, Schmiede, ſondern auch der Müller war, beſtätigt die eben vorgebrachte Anſicht. ²) Ein ſolches Volkslied, voll der zärtlichſten Sehnſucht, worin das Rad eine Rolle ſpielt, iſt in vielen Varianten enthalten, der eigentliche Urtext, wenn es einen gab, noch nicht gefunden. Eine der ſchönſten und wohl auch älteſten Faſſungen verbindet den Berg und die Mühle im Thal.³) Eine Faſſung ſteht im Ambraſer Liederbuch Nro. 66.

Dort fern auf jenem Berge

Leit ſich ein kalter Schnee u. ſ. w.

Dort nieden in jenem Holz

Leit ſich ein Mülen ſtolz u. ſ. w.

Sie malet uns alle Morgen

Das Silber, das rothe Gold.

Dort nieden in jenem Grunde

Schlemmet ſich ein Hirſchlein fein.

Was führt es in ſeinem Munde

Von Gold ein Ringelein u. ſ. w.

Dasſelbe Liederbuch enthält noch eine andere

Faſſung Nr. 111, dort heißt es am Schluß:

Dort hoch auf jenem Berge

Da ſteht ein Mühlenrad,

Das mahlet nichts als Liebe

Die Nacht bis an den Tag.

Die Mühle iſt zerbrochen,

Die Liebe hat ein End.

Andere Faſſungen finden ſich im Wunderhorn).

Dieſelbe urſprüngliche Schönheit und ungelernte Innigkeit naturgeborner Volkspoeſie weht uns an

¹) Grimm, Mythologie I, 528, Schwartz, Urſprung der Mythologie p. 143. ²) Rochholz, Deutſcher Glaube und Brauch, s. v. Donnerstag. ³) Menzel, deutſche Dichtung 2,30.) 1,102.