Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
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Gewohnheiten und Gebräuchen mit hartnäckiger Zähigkeit feſthaltende, neubekehrte Volk von der heidniſchen Anſchauung und Sitte zu einem echt chriſtlichen Leben hinüberzuführen, indem ſie die heidniſchen Volksfeſte durch Unterlegung chriſtlicher Ideen zu chriſtianieren, die heidniſchen Götter und Göttinnen zu erſetzen ſuchte durch Heilige, welche in ihrem Lebensgange oder Attributen mit den zu beſeitigenden göttlichen Weſen Ähnlichkeiten hatten, ſo wird dieſe Vermutung nicht zu gewagt erſcheinen. Papſt Gregor der Große hat in ſeinem Briefe an Auguſtinus, den Bekehrer der Angelſachſen, dieſe großartigen und hochherzigen Principien entwickelt, die bis auf den heutigen Tag in der Praxis der Miſſionäre ihre das Volkstum ſchützende und er⸗ haltende Anwendung finden. Wurde in dem Opfer⸗ monate die heilige Flamme, die allein zu der Cult⸗ handlung des Opfers tauglich war, wie beim Not⸗ feuer aus der Nabe eines Wagenrades durch quirlende Drehung herausgebohrt und ſo die reine Flamme nach Art des Himmelsfeuers gewonnen, die, weil noch nicht durch Verwendung im Dienſte der Menſchen entweiht, nur allein bei der Opferhandlung ver⸗ wandt werden durfte? Das Rad iſt nach Grimm) allen Feierlichkeiten eigentümlich, bei denen Opfer⸗ flammen zum Himmel loderten. Jedenfalls iſt fol⸗ gender Vorfall für unſere Unterſuchung nicht ohne Wichtigkeit. Als jenes Martinskloſter der Augu⸗ ſtinerinnen auf dem Deimelberge bei Trier, in welche die unglückliche Margaretha, Wittwe Hein⸗ richs 2), die zweimal Königin, zweimal Wittwe und zweimal Nonne in ihrem Leben geweſen iſt, eine

Zeit lang lebte, 1288 durch Ordulph von Oeren.

in die Stadt verlegt wurde, weil, wie erzählt wird, die hl. Katharina ihm in einer Viſion erſchien und ihn aufforderte, eine von ihr bezeichnete Stelle der Stadt Trier zu heiligen, nahmen die Nonnen die Heilige zu ihrer Schutzpatronin und ihr Kloſter den Namen Katharinenkloſter an. Die Stelle aber die geheiligt werden ſollte liegt auf dem rechten Moſel⸗

¹) Mythologie p. 578. ²) des Sohnes Kaiſer Friedrich des II.

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ufer ſchräg gegenüber dem Pulsberge, von welchem das feurige Rad in die Moſel herabgerollt wurde. ¹) Die Gebäulichkeiten des Katharinenkloſters beſtehen heute noch und dienen gegenwärtig als Garniſons⸗ Lazaret. Oder verlegte man das Feſt der reinen Jungfrau als chriſtlichen Gegenſatz in dieſe Zeit, in welcher Opfer dargebracht wurden gegen die den Höhepunkt ihrer Macht und Herrſchaft ſich nähernden Winterdämonen und Unholde, deren Einfluß durch dieſe Apotropiasmata entgegengewirkt werden ſollte, wobei außerdem die licentia fescennina Un⸗ ziemliches und Unſittliches nicht blos erlaubte, ſon⸗ dern aus heidniſch religiöſen Gründen geradezu gebot?

Nachdem das Rad als Attribut des Sonnen⸗ gottes in den Anſchauungen ſpäterer Jahrhunderte ſich von der Perſon des Gottes losgelöſt und als Glücks⸗ und Hinrichtungsrad, ſelbſtändig auftretend, alle Beziehungen, die früher auf die göttliche Natur hinzielten, an ſich gezogen hatte, dürfen wir uns nicht mehr wundern, wenn faſt keine Erinnerung an die einſt unſern Vorfahren mit ihrem warmen Naturgefühl ſo geläufige Vorſtellung in der Litteratur ſich findet. Nur unter der Hülle des zum bre⸗ toniſchen Sagenkreiſe gehörenden Helden Wigalois (Guy von Waleis), des Ritters mit dem Rade, verfaßt um 1212 von dem jugendlichen Dichter Wirnt von Grafenberg, verbirgt ſich ein Sonnen⸗ gott Swantowit, an deſſen Stelle in chriſtlicher Zeit laut Mitteilung der Chronica Slavorum des Helmold von Boſau St. Vitus trat. Denn Gwi iſt gleich Gui(Guido Veit) galois aber gallensis, alſo Vitus gallensis. Hierin iſt wohl auch der Grund zu ſuchen für die auf St. Veitstag von den Bergen herabgerollten Räder, ²) obgleich über ein ihm als Wahrzeichen ſeiner ſtrahlenden Herr⸗ lichkeit zukommendes Rad ſonſt uns nichts berichtet wird. Daß jedoch ähnliche Anſchauungen auch den Slaven nicht fremd waren, bezeugen die vielen, meiſt in der Mitte der ſlaviſchen Städte gelegenen Marktplätze mit dem Namen Ring, deren Mittel⸗

¹) cf. Marx, Geſchichte des Erzſtifts Trier IV, p. 460. 2) Panzer II, 270.