Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
Einzelbild herunterladen

vor, der ſich auch in der jüngern Edda!) zweimal findet. Wohl nirgends wurde dasſelbe nach der langen, dunkelen Winternacht bei der Sonne erſtem Blick im Lenz mit ähnlichem Entzücken und Wonne⸗ gefühl begrüßt als im hohen Norden.

Allein die Wiederkehr der ſchoͤnen Jahreszeit wurde dann ſchon gefeiert, wenn die Abnahme des Lichtes ihr Ende erreichte. In dieſe Zeit fällt das höchſte Feſt des ſkandinaviſchen Nordens zur Heiden⸗ zeit das Jul oder Joelfeſt, mit der Nacht des 25. Dezembers beginnend und zwölf Nächte dauernd. Man feierte das Ende der langen Winternacht, herbeigeführt durch den Sieg der Sonne über die ſie bedräuenden Winterrieſen, die Mutternacht des neuen Jahres, den dies natalis Solis invicti durch die Geburtsſtunde des Sol novus. Die hohe Freude und das feſtliche Gepränge, womit dieſe Feiertage begangen wurden, entſprachen dem An⸗ ſehen, deſſen ſie ſich beim Volke erfreuten, der Heiligkeit, die ihnen im Volksbewußtſein innewohnte. Am Julabend brachte der König dem Gotte Freyr das große Herdopfer Sovarblot. Jede Arbeit mußte ruhen, kein Rad durfte ſich drehen, der Julfriede herrſchte unter den Menſchen, Friede waltete in der Natur,wo kein Greif thut fahnden und kein Ko⸗ bold wacht, auf dem Herde durfte der Julblock, auf der Tafel der ſühnende Eber Freyrs, der Juleber, nicht fehlen. Weit ausgedehnte Gaſtfreundſchaft hielt offene Tafel, und während der Zwölften nahmen nicht nur Freunde und Bekannte, ſondern auch Fremde an den faſt ununterbrochenen Schmauſereien der Opfermahlzeiten teil, ſogar die Vögel des Him⸗ mels wurden nicht vergeſſen, eine Getreidegarbe, das Juleneg wurde für ſie ins Freie geſtellt. Die Götter ſtiegen zur Erde hinab, um Segen und Fruchtbarkeit bringende Umzüge zu halten. Heute noch erinnern manche Gebräuche der Weihnachts⸗ feſtfeier, die zur chriſtlichen Zeit die Stelle des Julfeſtes einnahm, in Skandinavien, England und Deutſchland an dieſe hochgezite an der sunewende. Grimm) macht es ſehr wahrſcheinlich, daß der ¹) Snorri Sturles. 177, 223. ²) Deutſche Mythologie p. 578.

Name dieſes Feſtes mit dem Rade zuſammenhängt, indem er ſagt:Der das Sonnenzeichen führende gotiſche Buchſtabe HV zeigt offenbar die Geſtalt eines Rades und macht es wahrſcheinlich, daß auch die Winterſonnenwende altn. jol ſchwediſch, däniſch jul mit dem Rade zuſammenhängt... im Sater⸗ ländiſchen⸗Frieſiſchen heißt jule, jole, rota, Rad. Möglich daß auch der gotiſche Monatsname jiuleis November damit verwandt iſt.

Der Monat November, der in der Bibelüber⸗ ſetzung des gotiſchen Biſchofs Ulfilas jiuleis, das iſt wohl nach dem Vorhergehenden Radmonat, genannt wird, hatte bei den Angelſachſen den Namen blôtmônadh, welcher Name jedoch nach Simrockt) mit bluten nichts zu ſchaffen hat, da ags. blötan ahd pluozan opfern bedeutet, ſo daß dieſer Ety⸗ mologie zufolge der Monat Opfermonat heißt. Eine Erinnerung an die dieſem Monat aufgeprägte Eigen⸗ tümlichkeit liegt in dem noch heute üblichen Her⸗ kommen, den November des häuslichen Einſchlachtens für den Winter wegen als Schlachtmonat zu be⸗ nutzen, womit auch übereinſtimmt, daß die der Metzgerzunft in vielen Volksgebräuchen übertragene Rolle die der früheren Opferprieſter iſt, undder Gebrauch, beim Schlachten ein Gaſtmahl zu rüſten und Fleiſch und Würſte den Nachbarn zu ſchicken, ſich auf die alte Opfergemeinſchaft bezieht. In dieſen Rad⸗ und Opfermonat fällt der Gedächtnis⸗ tag der heiligen Katharina von Alexandrien 25. Nov. deren Hauptattribut neben dem Schwerte und der Martyrerpalme in einem Rade beſteht. Ihr Gedenktag wurde noch im Anfange dieſes Jahr⸗ hunderts von den Werftarbeitern in Woolwich feſtlich begangen, und die Schifferzunft in Mecheln erkor die Heilige zu ihrer Schutzpatronin. ²) Zwiſchen der Benennung jiuleis und dem in denſelben ver⸗ legten Gedächtnistage der heiligen Katharina ſcheint ein innerer Zuſammenhang zu beſtehen. Bedenkt man, wie bemüht die Kirche von Anfang an ge⸗ weſen iſt, das an ſeinen heidniſchen Traditionen,

¹) Handbuch der deutſchen Mythologie p. 518. 2) cf. Reins⸗ berg⸗Düringsfeld. Das feſtliche Jahr p. 350 u. 351.