Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
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gegentreten, ſo erkennen wir die drei Tiere und den Menſchen wieder, welche den Cherubim ihre Geſichter geliehen. Erwägen wir, daß dieſe Greifgebilde bald in geſtrecktem Laufe in ÄAgypten als Hieroglyphe der größten Schnelligkeit dargeſtellt werden; bald immer ruhig als Wächter und als rächende Wächter göttlicher Macht gelten; bedenken wir, daß dieſe Gebilde nicht in Agypten entſtanden ſind, ſondern wahrſcheinlich aus Syrien gekommen, deſſen alte Cultur indeß keine ſelbſtändige geweſen, ſondern ſtark von Babylon beeinflußt war: dann berührt uns eigentümlich die Stelle Ezechiels, welche uns die oben erwähnte Viſion, die er zur Zeit der babyloniſchen Gefangenſchaft gehabt hat, mit⸗ teilt. Denn, wenn auch die babyloniſche Gefangen⸗ ſchaft des jüdiſchen Volkes keine Begebenheit von großer politiſcher Tragweite in der Weltgeſchichte geweſen iſt, ſo iſt ſie doch im Culturleben für das verborgene geiſtige Leben der beiden Völker von tief eingreifender, nachhaltiger Wirkung geweſen, indem bei der großen, innern geiſtigen Gärung, von der die Babvylonier ergriffen waren, die Be⸗ kanntſchaft mit der jüdiſchen Religion nur wohl⸗ thätig wirken konnte, und daß dieſes der Fall war,

darüber geben die Schriften des alten Teſtamentes.

an manchen Stellen Andeutungen. Zu bedauern iſt, daß die Stellen des alten Teſtamentes, welche die Cherubim vor Czechiel bei Moſes erwähnen, uns ihre Geſtalt nur ahnen laſſen.In römiſcher Zeit war die Verbindung der Nemeſis mit den Greifen ſehr gewöhnlich, und ein beliebter Typus war der eine Tatze auf das Rad(das Symbol der Nemeſis in dieſer Zeit) legende Greif, beſonders häufig auf den Münzen von Smyrna in römiſcher Zeit.¹) Bei den meiſten Gottheiten des vorchriſtlichen Heiden⸗ tums zeigen ſich zwei entgegengeſetzte Seiten gött⸗ licher Wirkſamkeit in einer Perſon unzertrennlich verbunden, eine milde ſegnende und eine rächend vernichtende. Grade die Sonnengottheiten haben neben ihrer lichten eine dunkele Schattenſeite, welch' letztere ſich bei den Römern von der Sonue los⸗ ¹) Furtwängeler a. a. O. p. 1774.

löſte und zu einer beſonderen Gottheit der Nemeſis verdichtete. Es iſt die das Unrecht und die Miſſe⸗ that ſtrafende und rächende Seite der Sonne. Denn, weil ihr nichts verborgen bleibt, ſie alles an den Tag bringt und wegen ihrer eigenen Rein⸗ heit kein Unrecht dulden kann, zerbrach ſie dem übelthäter mit dem Rade die Glieder. Dadurch wurde das Rad der Sommerſonne zu einem Werk⸗ zeuge der Hinrichtung, welche Strafe nach Grimms) Vermutung bei unſern Vorfahren deshalb erſt ſpäter entſtanden, weil man ſtatt deſſen früher mit einem

Wagen über den Miſſethäter hergefahren ſei.Die

Stille und Schwüle der langen heißen Sommertage muß einen tiefen, aber heimlich beängſtigenden Ein⸗ druck auf die Gemüter unſerer Vorfahren gemacht haben.²) Es war die ausdörrende Glut der bren⸗ nenden Sommerſonne, deren Peſtpfeile im griech⸗ iſchen Lager vor Troja unter den Belagerern auf⸗ räumten, welche zahlloſe Mäuſeſcharen ins Land ſendet, Ungeziefer zum Zerſtören der Vegetation ausbrütet und alle Giftkräuter emporſchießen läßt. Auf dieſe Weiſe iſt die Nemeſis in ähnlicher Weiſe zum Rade als Attribut gekommen, wie die Fortuna, die Hypoſtaſe der lichten freundlichen Frühlingsſonne.

Wie geläufig dem zu den Südariern gehörigen altindiſchen Volke das Rad als Bild der Sonne war, darüber belehren uns zahlreiche Stellen der vediſchen Lieder insbeſondere des Rigveda, welche Kuhn in der Herabkunft des Feuer⸗ und Götter⸗ tranks2) anführt. Wie wir in der oben angeführten Viſion des Ezechiel die Worte:Der Geiſt des Lebens war in den Rädern finden, ſo kehrt in einigen der angeführten Stellen öfters die Bezeich⸗ nung des Sonnenrades alsdas alles Leben Schaffende wieder. Dies Faktum iſt um ſo ſchwer wiegender, als die Vedas, die älteſten ſchriftlichen Denkmäler der Indier, in das erſte Morgengrauen der Geſchichte, vielleicht noch über das 15te Jahr⸗

¹) Rechtsaltertümer p. 680 ff. 2) W. Menzel. Deutſche Dichtung 1, 179. ²) a. a. O. p. 56 ff. I, 121.13, 130.9, 174.5, 175.4, IV 16.12, 17.14, 28.1, 30.46 V 29.10, 31.11, VI 20.2, 31.3, wo man die Stellen nachleſe.