Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
Einzelbild herunterladen

dem Feuer fuhren Blitze. Und die lebenden Weſen gingen vorwärts und rückwärts wie der leuchtende Blitz. Und als ich die Weſen anſchaute, da zeigte ſich auch ein Rad auf dem Boden neben den Weſen, und das Rad war wie vierfach. Und der Räder Ausſehen und ihr Gebilde war wie das Meer(andere geben das Hebräiſche: von Chryſolith, der eine goldgelbe Farbe hat), und alle vier hatten eine Geſtalt, auch ſah ihr Gebilde aus, als wäre Rad in Rad. Nach ihren vier Seiten gingen ſie, ohne ſich zu wenden im Gehen. Und die Größe und Höhe der Räder war ſchrecklich anzuſehen, und ihr ganzer Reif war voll Augen um und um an allen vieren. Und wenn die Weſen gingen, ſo gingen auch die Räder neben ihnen und wenn ſich die Weſen vom Boden erhoben, ſo erhoben ſich auch die Räder. Wohin der Geiſt ging, dahin erhoben ſich auch die Räder, folgend dem Geiſt im Gehen: denn Geiſt des Lebens war in den Rädern. Wenn die Weſen gingen, ſo gingen ſie mit, und wenn ſie ſtanden, ſo ſtanden ſie auch: und wenn ſie von dem Boden ſich erhoben, ſo erhoben ſich auch die Räder, und folgten ihnen: denn Geiſt des Lebens war in den Rädern. Und über den Häuptern der Weſen war etwas wie das Firmament, anzuſehen wie Kryſtall, furchtbar, und war ausge⸗ breitet über ihren Häuptern.1) Mögen nun die Cherubim nur ideale Geſtalten ſein, die das geſchöpf⸗ liche Leben der Wirklichkeit repräſentieren, mögen andere ihre objective Realität behaupten und ſie entweder zu den Menſchen des Himmels, denen Jehovah das Paradies an Stelle der durch die Sünde dazu unfähigen Menſchen zu bewahren gab, oder ſie zu den höchſten, Gott zunächſt ſtehenden Geiſtern machen, ſo viel leuchtet ein, daß in der Viſion des größten und erhabenſten Propheten des alten Bundes beide Bilder, der Thron mit den Cherubim und der Wagen mit den Rädern, in einander gedacht ſind,) ſo daß ſie ſich wechſelſeitig

) Ezechiel 1, 13 22.(Allioli.) ²) Vergl. W. Menzel: Chriſtliche Symbolik. s. v. Cherubim.

decken, beide identiſch ſind. Nehmen wir hinzu, daß das alte Teſtament von Jehovah berichtet, er fahre im Gewitter auf Cherubim einher wie auf Fittichen des Windes, ¹) ſo dürfen wir wohl den Schluß ziehen, daß den Bewohnern Paläſtinas das Rad als ſolariſches Symbol oder Attribut ſolariſcher Weſen, die mit dem Gewitter in Ver⸗ bindung ſtehen, bekannt geweſen ſein muß.

An die Cherubim ſchließen wir am beſten die Beſprechung von fabelhaften Weſen an, die im ganzen Orient Beziehungen zu der Sonne haben und in der antiken Kunſt, in welcher ſie eine große Rolle ſpielen, in Verbindung mit dem Sonnenrade dargeſtellt werden. Wenn auch von Delitzſch) beſtritten wird, daß der Name der Greifen ſemitiſchen Stammes und mit kerüb identiſch ſei und er zu zeigen ſucht, daß ſie den babyloniſch⸗ aſſyriſchen Stiergottheiten entſprechen; wenn nach der Annahme der neueſten Sprachforſchung Greif von der indogermaniſchen Wurzel grabh greifen herzuleiten iſt, ſo iſt doch nach dem Urteile Furt⸗ wängelers,³) eine Verwandtſchaft ihres Weſens und ihrer Funktionen(mit den Cherubim) nicht zu leugnen. Die Greife, die Roſſe des Götterwagens des Apollo, ſind nämlich ſagenhafte Tiere in Geſtalt und Größe eines Löwen mit Krallenfüßen, Kopf und Flügeln eines Adlers, welche dem Sonnen⸗ lichte geweiht ſind und im Lande der Hyper⸗ boräer,(das Land der Hyperboräer wird uns von den Alten ähnlich wie das Paradies ge⸗ ſchildert, die Wächter des Goldes ſind. Nehmen wir die den Greifen ſehr nahe verwandten ägyptiſchen Sphinxe hinzu, die eine Compoſition von Löwe und Menſch(Jungfrau) ſind und die merkwürdigen Koloſſalgebilde, welche aus einem Stierleib in Verbindung mit einem bärtigen Menſchenkopf beſtehen, welche uns in den Ruinen von Perſepolis am Eingangsportal zur großen Felſenteraſſe ent⸗

¹) Pſalm 17(18) 11. ²) Wo lag das Paradies p. 150 ff. 3) Roſcher, Lexikon der griechiſchen und römiſchen Mytho⸗ logie. s. v. pouν p. 1742.