da die Geſetze des Denkens und des menſchlichen Herzens in ihrem Weſen zu allen Zeiten dieſelben ſind, iſt die Geſchichte des geiſtigen Fortſchritts der Menſchheit nichts anderes als die Geſchichte des Menſchen überhaupt in allen Phaſen ſeiner Ent⸗ wickelung.„So divergierend auch ein Volk vom andern erſcheint, ſo exiſtiert doch, wie bei allen divergierenden Linien, ein Punkt, ſei derſelbe auch noch ſo fern, an dem ſie convergieren müſſen. ¹)“ In dieſem Gemeinſamen der verſchiedenen Sprachen auf der Erde, welches auf einer auffälligen Ähn⸗ lichkeit im weſentlichen übereinſtimmender Vorſtell⸗ ungen, bildlicher Ausdrücke, Gleichniſſe und Sinn⸗ bilder beruht, trotz der verſchiedenen localen und ethniſchen Färbung, die jeder einzelnen Sprache eigen iſt, offenbaren ſich die unverwiſchbaren Spuren und Züge der Zuſammengehörigkeit aller Völker. Noch lange Zeit waren ſich, wie die Urmythen uns lehren, die Völker bewußt der gleichen Abſtammung und der in früheſter Zeit gemeinſamen Heimat, als noch keine ſcheidenden Verhältniſſe zur Aus⸗ wanderung und Verbreitung über fremde Länder drängten, und die dadurch bedingte Trennung, Ab⸗ ſonderung und Iſolierung der Nationen von einander hervorriefen, welche einen barbariſierenden Einfluß ausübte.
Aus der großen Anzahl dieſer Sinnbilder, welche als echte Goldkörner weltalter Poeſie ent⸗ weder mit ihrem Farbenglanze den geiſtigen Inhalt zur vollkommenen Einheit und Verſchmelzung mit der ſinnlichen Form und dadurch zur plaſtiſchen Anſchaulichkeit bringen, oder aber unter welchen noch häufiger von einem Volke die Gottheit als erſcheinend gedacht wurde, wählen wir im Anſchluſſe an das trieriſche Frühlingsfeſt auf dem Pulsberge und zur Erklärung dieſes alten Faſtnachtsbrauches die Symbolik des Sonnenrades, das nicht nur den lichtſpendenden Sonnengott verſinnlichte, ſondern ihn auch als Urgrund allen Lebens, aller Fruchtbarkeit, als Seele der Welt darſtellte.
¹) Wollheim da Fonseca. Indien. pag. 4.
Mythologie des alten
Dieſes Symbol begegnet uns an den Ufern des Ganges in der Liederſammlung des Rigveda, worin der Indier für ſich und ſeine Herden Ge⸗ deihen erfleht, die aufgehende Morgenröte begrüßt und den Kampf des blitztragenden Gottes mit den finſtern Mächten beſingt; wir ſehen es auf den Wigwams der die Prärien und Savannen Nord⸗ amerikas durchſtreifenden Indianer, eintätowiert auf der Stirn der Königin von Hawaii,¹) eingemeißelt auf den Grabdenkmälern der Südſeeinſulaner. ²) Auch dem auserwählten Volke der Israeliten war es bekannt durch die Viſion eines ſeiner Propheten.
Als nämlich der jugendliche Ezechiel aus dem prieſterlichen Geſchlechte Aarons nach der zweiten Einnahme Jeruſalems durch die Chaldäer in die babyloniſche Gefangenſchaft abgeführt worden war und, der Freiheit beraubt, fern von der vater⸗ ländiſchen Erde bereits fünf Jahre alle Leiden und Qualen der harten Prüfung erduldet hatte, welche die willkürliche Gewalt ſiegreicher Feinde ihm und— ſeinen Leidensgefährten auferlegte, wurde er vom Herrn zum Prophetenamt berufen. Am Fluſſe Chaboras kam die Hand Jehovas über ihn, ſo daß er, von Gottes Hauch berührt, überwältigt und fortgeriſſen, in ſeiner Verzückung am Himmel die Geſichte Gottes ſieht und in hoher Begeiſterung uns in großartig kühnen, tiefſinnigen Bildern einen Blick in die labyrinthiſchen Geheimniſſe Gottes thun läßt. Aus Feuer umgebenem Wolkendunkel ſtrahlt ihm glanzumfloſſen der thronartig geſtaltete Wagen Jehovas entgegen, aus Saphirſtein gefertigt, im ruhigen Farbentone des Himmels, tiefem Azur, prangend, und von den Engeln der Allmacht vier⸗ geflügelten Cherubim getragen.„Und die Geſtalt der lebenden Weſen war anzuſehen wie brennende Feuerkohlen, und anzuſehen wie Fackeln. Zwiſchen den Tieren(jeder Cherubim hatte vier Geſichter, das eines Menſchen, Löwen, Stieres und Adlers) ſah man glänzende Feuer herumfahren, und aus
¹) Berghaus, Völker der Erde p. 427. ²) Welt⸗ gemäldegallerie, Oceanien, aus dem Franzöſiſchen von Mebold. p. 55 u. p. 222.


