Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
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Das Fonnenrad.

Durch den Adel des uns innewohnenden Geiſtes, der vermöge ſeiner göttlichen Natur ſich mit der Ergreifung des Augenblicks nicht begnügen kann, ſondern über denſelben hinausſtreben muß, iſt es ein mit unabweisbarer Notwendigkeit Befriedigung heiſchendes Bedürfnis des geiſtigen Anteils der Menſchennatur, die ganze Welt insbeſondere die Entwickelung des geiſtigen Lebens der Menſchheit mit ſeinen Gedanken zu umſpannen. Um aber zu ergründen, in welcher Weiſe alle Naturanlagen der Menſchheit zur vollſtändigen und zweckmäßigen Entwickelung gekommen ſind, wie alles, was Gott in den Menſchengeiſt hineingelegt hat, im Laufe der Jahrtauſende aus demſelben heraus⸗ trat, dürfen uns die Schwierigkeiten der Aufgabe nicht abſchrecken, auch jene Epochen des urſprüng⸗ lichen Lebens der Völker zu unterſuchen, in welchen ihr Gedankenkreis noch nicht in Schriften nieder⸗ gelegt wurde. Wir müſſen zurückgehen bis in die fernen Tage der Vorzeit, bis zur Wiege aller weltgeſchichtlichen Entwickelung, in jene Zeiten, aus welchen keine Sage zu uns herübertönt, aus denen kein Denkmal ſich in die Zeiten hiſtoriſcher Auf⸗ zeichnung hinübergerettet hat. Hier tritt uns die Sprache helfend zur Seite, die nach Hahn's treffendem Ausſpruch uns ſo oft die Tiefen der Vorzeit er⸗ ſchließt, weil ſie die älteſte und erſte Offenbarung der Seele iſt.Alle Sprachen aber, ſchreibt H.

Die Flamme lodre durch den Rauch! Begeht den alten, heil'gen Brauch, Allvater dort zu loben!

Göthe, Erſte Walpurgisnacht.(1799.)

Laube,blühen in Poeſie auf, ſie entſtammen aus dem Boden und dem Herzen, die Völker haben immer erſt Lieder, ehe ſie zur Proſa kommen. Daher kann es uns nicht Wunder nehmen, daß in der Jugend eines Volkes, in welcher die Phantaſie vorwiegt, und die ſprachbildende Kraft beſonders ſtark iſt, die meiſten Gegenſtände und Begriffe bildlich bezeichnet werden, da die Sprache für nur unendlich wenige Gegenſtände eigene Wörter hat. Aus dieſer Sprachdichtungs⸗ und Denkungsart er⸗ hellt, daß die Bildlichkeit der Rede keine äußerliche Zierat und Zuthat, ſondern die innerlich bedingte und weſenhafte Weiſe aller ſprachlichen und insbe⸗ ſondere dichteriſchen Darſtellung iſt. Wenn nun auf der Geſamtheit dieſer tropiſchen Bezeichnungen, die bei jeder beſonderen Sprache eine beſondere Sprachſymbolik bildet, auf der die eigentliche Indi⸗ vidualität der Sprache beruht und auf Grund dieſes Verhältniſſes auch zum teil die Individualität der Völker, weil die Sprache unter dem Einfluſſe des ganzen Volkes ſich entwickelt; ſie immer das Ur⸗ ſprünglichſte iſt, was ein Volk hat; ihre Wurzel mit der Wurzel des Volkes zuſammenfällt: ſo findet ſich doch bei aller Selbſtändigkeit der einzelnen Völker auf dieſem Gebiete ein Gemeinſames; tragen doch bei allem Unterſchied die Völker auch den Charakter des Ganzen an ſich; liegt doch aller Mannigfaltigkeit eine Einheit zu Grunde. Denn,