Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 1. Teil
Entstehung
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und im Dunkel der neubelaubten Haine hebt Frau Nachtigall ſüßen Schall an.Noch im vorigen Jahrhundert waren die Thürmer mancher Städte Deutſchlands angewieſen, den nahenden Früh⸗ lingsherold(Storch) anzublaſen, wofür ihnen ein Ehrentrunk aus dem Rathskeller verabreicht wurde. Wer den Griechen die Einkehr des Storchs zuerſt anſagte, erhielt Botenlohn. Frendig wurde das erſte Veilchen begrüßt.Wer den erſten Viol ſchaute, zeigte es an; das ganze Dorf lief hinzu, die Bauern ſteckten die Blume auf eine Stange und tanzten darum. Die Ankunft des Sommers, des Mais, oder wie wir jetzt ſagen, des Frühlings ward vor Alters feſtlich begangen, erfolgte aber nicht auf einen beſtimmten Tag des Jahres, ſondern wurde nach zufälligen Zeichen wahrgenommen, aufblühenden Blumen oder anlangenden Vögeln. Das hieß den Sommer finden: ich hän den Sumer vunden(Grimm, Mythol. 722723 S.) Daher rührt es auch, daß heute noch die Zeitungen, den erſten Maikäfer, der ſich auf der Oberfläche zeigt, vermerken, denn auch er ſowie der Kuckuck können als Anſager des Frühlings betrachtet werden. Dem ſchönen Früh⸗ lingsgotte und der mütterlichen Erdgöttin loderten Opferfeuer, wenn ſie auf ihren Wagen ins Laud einzogen. Hierbei wurde der Kampf mit den Rieſen und die Beſiegung derſelben, der die Erde öffnende Blitzſtrahl, die Befruchtung des Landes durch den niederträufelnden Regen, das Er⸗ wachen der Natur, die Vermählungsfeier und der Einzug des Götterpaares ſymboliſch dargeſtellt. Das iſt im allgemeinen der Sinn, der allen Frühlingsfeſten zu Grunde liegt, und mit dem trau⸗ rigen Scheiden nach kurzer Frühlingsluſt auch der Hauptinhalt der großartigſten Epen aller Völker, der lieblichen Märchen, die der Volksmund uns gerettet, der Kern und Grundgedanke des Dramas. Denn auf Odyſſeus und Achill ſind Züge des Frühlingsgottes übertragen, Sieg⸗ fried, Iwein und Triſtan ſind Frühlingsgötter, Gudrun, Aſchenputtel, Dornröschen, die rauhe Elſe, die zur ſchönen Sigeminne wird, ſind Erdgöttinnen, die aus niederem Magddienſte zu königlichen Ehren emporſteigen. Allein Liebe und Leid ſind hienieden gar eng verkettet, und das Thema des Nibelungenliedes: wie liebe mit leide ze jungest lonen kan hat ſein Prototyp in der Natur, es klingt nach in den wehmüthigen Weiſen des Volksliedes, das nicht anfhört zu klagen und zu jammern ob der grauſen Trennung, dem Scheiden und Abſchiednehmen; es iſt der Grundzug des germaniſchen Weſens, die unausſprechliche Sehnſucht nach einem Glück ohne Ende, nach einem Frieden ſonder Wechſel.*)

Es leuchtet ein, daß je weiter wir nach Norden gehen, die Vegetation unter ſonſt gleichen Verhältniſſen ſich ſpäter entwickelt, das Erwachen der Thierwelt länger auf ſich warten läßt als in ſüdlichern Gegenden, und der Zeitunterſchied des Eintreffens der Zugvögel gegen wärmere Länder immer größer wird. Deßhalb finden wir in Dänemark und Irland die Maifeier, den Einzug des Maigrafen und der Maigräfin. Die Abweichungen von dieſer im allgemeinen richtigen Regel erklären ſich dadurch, daß das phyſiſche Klima nicht ſtets mit dem mathematiſchen überein⸗ ſtimmt oder[daß in gewiſſen Gegenden der Beginn des Lenzes, welcher durch die Ankunft des Frühlingsherolds, ſei es Storch oder Schwalbe, beſtimmt wurde, die Veranlaſſung einer feſtlichen

*) Vergleiche: Orion der Jäger. Frogramm, Hanau 1859. Dr. Suchier. 22 u. 32 S. Iwein, ein keltiſcher Frühlingsgott. Progr. d. Merſeburger Gymnaſiums 1853 von Oſterwald; Homeriſche Forſchungen. Erſter Theil, Hermes⸗Odyſſeus, mythol. Erklärung der Odyſſeus⸗Sage von Oſterwald. Halle 1853. Wilh. Müller. Ver⸗ fuch einer myrhol: Erklärung der Nibelungen⸗Sage Berlin 1841.