Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 1. Teil
Entstehung
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Unter dieſen Gräfinnen und Königinnen ſind Frühlingsgöttinnen zu verſtehen, deren Minne ge⸗ trunken werden ſollte, oder von deren Umzügen jene Feſte herrühren. Vergegenwärtigen wir uns vermittelſt weniger Umriſſe an der Hand der Märchen, dieſer zerſtreuten Stücke eines zer⸗ ſprungenen Edelſteins, der untergegangenen Welt unſeres deutſchnationalen Heidenthums, mit welchen Angen unſere Vorfahren viele hundert Jahre vor unſerer Zeitrechnung die Ankunft, das Erwachen des Lenzes anſahen, ſo wird ſich ergeben, daß man den Beginn der ſchönen Jahreszeit nicht überall von dem Eintritt eines und desſelben Ereigniſſes herleitete, alſo die Zeit⸗Differenz der Frühlingsfeier in den verſchiedenen Gegenden auch daraus ſchon leicht erklärlich iſt.Be⸗ freiung der im Winter gefangenen Natur, Auferſtehung vom Tode, Geneſung von ſchwerer Krank⸗ heit, Erhebung aus niederem Magddienſte zu königlichem Glanze, das ſind die unerſchöpflichen Motive unſerer Frühlingsmärchen. Die Mittel der Erlöſung ſind aber verſchieden, ein junger Held vollbringt ſie durch ſeine Alles beſiegende Tapferkeit, oder eine Jungfrau rettet ſich durch ihre Klugheit und Standhaftigkeit. Dort wird der Frühling erobert, hier wird er durch glückliche Flucht vor dem Winter nur erreicht. Wieder in andern Märchen greifen hilfreiche Mächte ein, mit Zauberkraft ausgerüſtete Geſellen oder Talismane, oft auch dienſtbare Thiere W. Menzel, Deutſche Dichtung. 1 Bd. 160 S. Wenn wir den Sinn dieſer poetiſch ſchönen Naturſymbolik, die als Frucht dem innigſten Vertrautſein mit der Natur entſprang, ergründen, ſo tritt uns die mütterliche Erdgöttin entgegen, welche im Süden Holda oder Freya oder Iſis, im Norden Ner⸗ thus genannt wird, gefangen und gefeſſelt von dem böſen Winterrieſen, dem die Schätze(den Nibelungenhort) hütenden Drachen. Tief drunten im Schoße der dunkelen Erde muß ſie als Aſchenputtel den reichen Farbenſchmelz des Lenzes, den lieblichen Vogelſang, der Wald und Au durchtönt, die ganze Wonne und Fülle des Frühlings, die ſchöne bunte Mannigfaltigkeit der Pflanzen⸗ und Thierwelt mit ihren zahlloſen Formen vorbereiten, bis der jugendliche Gott(der Königsſohn) nach harten Kämpfen und Abenteuern durch die Waberlohe(die Unterwelt) reitet und das ſchlafende Dornröschen weckt. Es folgt ſtattliche Brautwerbung und die Vermählung der ſchönen Elbenkönigin mit dem mächtigen Götterſohne in der Walpurgisnacht. Aber kurz nur ſind des Glückes ſchöne Sonnenblicke; des Lenzes prangende Herrlichkeit ſcheidet ſchnell, wie die Frühlingsſonne. Mitten im Sommer an der Sonnenwende ſinkt ſie hinab und ſiecht dahin, Sieg⸗ fried iſt von Hagen zu Tode getroffen. Es folgt die heiße Sommerſonne, deren ſengende Glut Peſt und Ungeziefer im Gefolge hat, alle Giftkräuter emporſchießen läßt; es fallen die Aehren unter den Streichen des Senſenmannes, alles Volk der Nibelungen liegt im fernen Hunnenlande erſchlagen:Ze einen sunewenden der grôze mort geschach 2160. Nibel.

Nicht plötzlich ſondern langſam und allmählich erwacht die Erde aus dem Winterſchlum mer; erſt ſendet der einziehende Lenz ſeine Boten voraus, die Schlafende zu wecken. Aus dem warmen Süden trifft der Storch ein, Odeber vom Volk geheißen(Grimm Mythol. 6 8 S.), die erſte Schwalbe kommt an, dann tritt der Donnergott auf und zerſchmettert mit ſeinem Hammer Miölnir, dem grell leuchtenden Blitzſtrahl, die Winterrieſen(die rauhen Stürme) und ſendet da⸗ rauf, nachdem er die Erde mit dem in dieſelbe fahrenden Donnerkeil geöffnet, aus den Wolken das befruchtende Naß des Regens und lockt die junge Saat, den Oervandil,(Vgl. Uhland, der Mythus von Thor S. 51) hervor. Viol und Himmelſchlüſſel ſchmücken die feuchten Wieſengründe