Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 1. Teil
Entstehung
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Ausführung eines ſo ausgedehnten und mühevollen Unternehmens näher zu treten. Bis dahin aber müſſen Vorarbeiten, Monographien, Skizzen die Wege ebnen, die Vorläufer eines umfaſſen⸗ den, abſchließenden Werkes ſein. Von dieſem Geſichtspunkte aus möchte vielleicht der vorliegende Erklärungsverſuch einer heidniſchen Feſtfeier nicht ganz werthlos ſein, wenn derſelbe auch nur einen verſchwindend kleinen Bruchtheil von der großen Aufgabe betrifft, die auf dem Gebiete der Culturhiſtorie noch gelöſt werden muß. Jedoch Kleinigkeiten kennt die Wiſſenſchaft nicht, denn ihre großen und Epoche machenden Entdeckungen ſind nichts anders als das Produkt, das Endreſultat einer Reihe von ſogenannten Kleinigkeiten; auch wer eine Kleinigkeit zum Austrage bringt, hat das Verdienſt an der bedeutenden Aufgabe der Wiſſenſchaft mitgearbeitet zu haben.

Der Zweck der vorliegenden Arbeit iſt, den Nachweis zu liefern, daß die in Trier auf demPulsberge ſtattgehabte Feierlichkeit vorzugsweiſe dem Gotte Phol, als einer ältern zuſam⸗ menfaſſenden Benennung einer Drei- oder Mehrheit von Göttern galt.

Darauf daß der Gott Phol bei den Frühlingsfeſten in Betracht zu ziehen ſei, ſcheint ſchon Grimm hinzuweiſen, wenn er in ſeiner Mythologie(S. 581) ſagt, daß am Pholtag, der ſich mit Bealteine berührt, heidniſche Opfer loderten, daß bei dem maypole zwar an palus, pol, pfal gedacht werden könnte, aber P'ol und Phol eher anſchlagen dürften.

Mitten zwiſchen zwei rauhen und kalten Hochlandſchaften, der vulkaniſchen Eifel und dem Grauwacken⸗Plateau des Hunsrückens, bricht ſich die jungfräuliche Moſella, die vielbeſungene lotharingiſche Jungfrau ein zwar meiſt enges, tiefgeſpaltenes und von ſteilen Rändern eingefaßtes Thal, das jedoch zu den klimatiſch überaus begünſtigten Senken gehört. Die Abfälle der beiden Gebirge nach dem vielfach gewundenen, übermäßig gekrümmten Bette der Moſel hin ſind faſt durchgängig ſchroff und treten ganz nahe an den Fluß heran; nur an wenigen Stellen weichen die Gebirgswände buchtenartig zurück und bieten dadurch Raum zur Anlage einer größern Stadt. Eine ſolche Thalweitung bildet das Becken von Trier, welches von ſanft geſchwungenen Höhen begränzt iſt, deren Böſchungen ſich weniger ſteil nach und nach in die lachenden Fluren der frucht⸗ baren Ebene verlieren, und deren Hänge mit dem Grün edler Rebſorten überkleidet ſind. Un⸗ mittelbar Trier gegenüber auf dem jenſeitigen Ufer der Moſel erhebt ſich, nur wenig über der Kammhöhe der nordweſtlichen Wand, eine abgerundete Kuppe gegen 580 Fuß über den Spiegel des Fluſſes. Jene wegen der lohnenden Ausſicht viel beſuchte Stätte, welche jetzt die Marien⸗ ſäule trägt, war auch früher ſchon, wenn auch nur mit einem einfachen Monumente, einem ſtei⸗ nernen Kreuze, geziert. Vom Volke wird dasſelbe Metzgers Kreuzchen genannt. Dieſe ungewöhn⸗ liche und deßhalb die Forſchung immer wieder herausfordernde Benennung ſchreibt ſich von einem feſtlichen Brauche her, der ſeit undenklichen Zeiten an einem beſtimmten Tage, früher jährlich wie es ſcheint ſich wiederholend, an dieſer Stätte vor ſich ging. Gegen Ende des vorigen Jahrhun⸗ derts unterblieb er gänzlich, weil das Verſtändniß des Vorganges ſchon längſt in der Menge geſchwunden, und darum das Jutereſſe an demſelben nur mehr ein äußerliches war. Heute friſtet das Andenken an jene Begebenheit bloß im Volksmunde noch ein kümmerliches Daſein durch die oben erwähnte Benennung des Kreuzes, das den ehemaligen Schauplatz derſelben bezeichnet.

Zwar hat es an vielfachen Verſuchen zur Deutung nicht gefehlt, allein dieſelben waren deßhalb nicht befriedigend und wenig zutreffend, weil die ganze Handlung ſo lange nur eine Be⸗