Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 1. Teil
Entstehung
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nung zu tragen, um die Rangordnung zu beſtimmen, welche die einzelnen Völker, gemäß ihrer größeren oder gerin geren Leiſtungen auf dem gewaltigen Ringplatze der Weltgeſchichte in der langen Stufenleiter der Völkerfamilien aller Zeiten einzunehmen berechtigt ſind. Weil nun die Cultur geſchichte ihr ganzes Streben darauf gerichtet hat, die Völker in ihrem Werden und Wachſen, in ihrem Zuſammenhang und eigenſten Weſen aus ſich ſelbſt kennen zu lernen, ſie mit eigenen Augen ohne jegliche ſubjektive Zuthat eines Beobachters betrachtet; ſo zeigt ſich der rechte unver⸗ fälſchte Volkscharakter dann in ſeinem wahrſten Lichte und in höchſt erreichbarer Vollſtändigkeit, wenn wir einen möglichſt weiten und tiefen Einblick in das geſammte Leben des jedesmaligen Volkes gethan haben. Durch ihn treten die Völker-⸗Individualitäten ſcharf abgegränzt, klar und umfaſſend uns entgegen und befähigen uns, wirkliche Faktoren zum Zwecke ihres gegenſeitigen Verhaltens mit einander in Vergleichung zu bringen. In der Culturgeſchichte beſitzen wir die wahre Philoſophie der Weltgeſchichte, den allſeitigſten Gradmeſſer zur Beurtheilung der einzelnen Nationen; denn indem ſie uns die Summe und das Reſultat des geſammten materiellen und geiſtigen Arbeitens eines Volkes darbietet, erhalten wir erſt ein vollendetes, abgerundetes, lebens warmes Bild, die geſchichtliche Farbe der großen Völkerfamilien; ihrer Vermittlung verdanken wir die Einſicht in das, was den ſtaatlichen Beſtand eines jeden Volkes und der Völker im Allge⸗ meinen bedingt, entwickelt oder zerſtört. So ſehen wir denn, daß in naturgemäßer Entwickelung und mit Nothwendigkeit die Vorurtheile, welche vielfach gegen die ſogenannte Culturgeſchichte im Schwange waren, als nähre ſie ſich nur vom Abfall der hiſtoriſchen Wiſſenſchaft und werde vor allem von Dilettanten gepflegt, zu jener Zeit zu ſchwinden begannen, als die in unſerem Jahr⸗ hundert bedeutend erleichterten und abgekürzten Reiſen eine unabſehbar reiche und mannigfaltige Fülle des ſchätzbarſten culturhiſtoriſchen Materials zuſammenbrachten. Allein eine allgemeine ſowie auch eine Culturgeſchichte der Vergangenheit unſeres Volks zu beſitzen, welche den an ſie geſtellten Forderungen vollkommen gerecht wird, muß vorderhand wohl ein bloßer Wunſch bleiben, deſſen Erfüllung ſelbſt in den nächſten Jahren kaum zu erwarten ſein dürfte, weil die Schwierigkeiten, den ſeit geraumer Zeit bereits zu Tage geförderten, überall zerſtreuten und auf die ſichtende und zuſammenſtellende Hand wartenden Stoff elichtvoll zu ordnen, nicht gering ſind, um ſo mehr, da eine Reihe wichtiger Grundfragen ſo lange ihrer Löſung harrt, als noch manche Felder, unange baut und brachliegend, ſehnſüchtig den Tag herbeiwünſchen, der ſie aufſchließen und allgemein zu⸗ gänglich machen ſoll. Denn da wir nicht mehr das Leben der Natur in der Weiſe wie unſere Vorfahren mitleben, ſondern die größere Mehrzahl der civiliſirten Menſchheit durch veränderte Lebensverhältniſſe und Beſchäftigungen weder Zeit noch Luſt für Naturgenuß beſitzt, bei den Meiſten der Sinn für die Natur erſtorben, der Blick trübe, der Geiſt befangen und das Herz zu iſt, ſo muthet heute ſelbſt Fachmänner die reiche Symbolik unſeres Volkes, wie ſie in alten Kunſtwerken und der Literatur längſt vergangener Jahrhunderte uns vorliegt, fremd an und ſpottet gar häufig ihrer Anſtrengungen, die verlorene Deutung wieder aufzufinden. Erſt wenn durch die genaue Feſtſtellung des Umfangs der bisher ſtiefmütterlich behandelten Culturgeſchichte auch der Anbau ſämmtlicher Felder genannter Wiſſenſchaft in Angriff genommen oder erfolgreicher betrieben werden kann, und durch Klarlegung der Hauptgeſichtspunkte ein Abſchluß im Großen und Ganzen wenigſtens vorhanden iſt, dürfte es an der Zeit ſein und der Mühe verlohnen, der