Ein altdeutſches Frühlingsfeſt.
Eine eulturgeſchichtliche Studie.
Erſter Theil.
„Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Bräuchen.“ Schiller. M. St. I. 7.
Di vollſtändige Durchdringung und die Vermiſchung der Völker des Erdkreiſes unter einander, als Ergebniß des großartigen Verkehrs, wie er ſich ſeit den letzten Jahrzehnten mit Hilfe ausgezeichneter Transportmittel entwickelt hat, iſt die Signatur unſeres Zeitalters in direktem Gegenſatze zum Alterthum, in welchem uns eine mehr oder weniger ſtrenge Abgeſchloſſenheit und Abſonderung der einzelnen Staaten entgegentritt. Hieraus erklärt es ſich, daß die cultur⸗ hiſtoriſche Wiſſenſchaft, welche das geiſtige Leben aller Völker, das Ganze ihrer religiöſen literariſchen, politiſchen und ſocialen Einſichten und Anſchauungen, kurz ihre religiöſe und intellek⸗ tuelle Bildung, die ſich in ihrem jeweiligen Cultus und ihrer Literatur, in ihrem Staats⸗ und Familienleben ausgeſtaltet hat, zu erforſchen ſucht, in ihrer unermüdlichen Thätigkeit ſtaunens⸗ werthe Fortſchritte gemacht hat. In der That hat die Wiſſenſchaft ſeit dem letzten Säculum ge⸗ waltige Strecken im Fluge durcheilt, denn auch ſie iſt der Einwirkung und Beeinfluſſung der allenthalben mit Dampf und Elektricität arbeitenden Gegenwart unterworfen.
Jedoch hat dieſe unter andern Umſtänden Bedenken gegen die Gründlichkeit einflößende Schnelligkeit keine nachtheiligen Folgen gehabt. Denn gleichwie aus der Vogelperſpektive erblickt ſeit geraumer Zeit der Gelehrte die uns als Erbtheil hinterlaſſenen Errungenſchaften beinahe ſämmtlicher Völker, die vor uns die Erde bewohnten. Die Betrachtung dieſes geiſtigen Weltpano⸗ ramas aber rief die vergleichende Wiſſenſchaft hervor, den Höhepunkt wiſſenſchaftlicher Methodik, den Ariadnefaden in dem Labyrinthe ſich durchkrenzender Beſtrebungen und Anſichten. Mit ſeiner Hilfe ergeben ſich wunderbar ſchnell und unantaſtbar ſicher Aufſchlüſſe von weittragender Bedeu⸗ tung. Wenn es jedoch ſchon als keine leichte und kleine Aufgabe im Kreiſe von Fachgelehrten gilt, ſich in die Geſchichte einer, ſelbſt der bekannteſten Nation vollſtändig hineinzuleben, ſo wachſen die zu überwindenden Schwierigkeiten in unverhältnißmäßig hohem Grade bis ins Unermeßliche für den, der vor dem kühnen Wagniß nicht zurückſchreckt, die in die äußere Erſcheinung getretene Innerlichkeit aller Völker nach unumſtößlichen Principien der Völkerpſychologie einer möglichſt gründlichen und umfaſſenden Vergleichung zu unterziehen. Langer Uebung bedarf es, hierbei ſtets als redlicher Beobachter mit gewiſſenhafteſter Objektivität zu verfahren, allen Verhältniſſen Rech⸗
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