Aufsatz 
Über die Gewöhnung in Schulen / von Conrector Schmidtborn
Entstehung
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uͤber die Ausdehnung des Wirkungskreiſes und uͤber die Befugniſſe der Klaſſen⸗ lehrer im Verhaͤltniß zu den Rechten des Schulvorſtehers hinſichtlich ſeines Ein⸗ ſchreitens in die Disciplin und Erziehung der Klaſſen durchaus die beſtimmteſten Vorſchriften gegeben werden, damit nicht allein jeder Conflict unter den Erzie⸗ hern, ſo weit es hierdurch moͤglich iſt, vermieden, ſondern damit, was das Wich⸗ tigſte iſt, die Erziehung nach feſten Maximen mit Beziehung auf die wirklich er⸗ kannte Individualitaͤt der Zoͤglinge ohne alle Stoͤrung vor ſich gehen kann. Schulgewoͤhnung will nun das Verhalten in Uebereinſtimmung mit ſolchen Ein⸗ richtungen und mit ihrem Geiſt ſetzen, indem ſie das Kind, obgleich es von ſeinen Wuͤnſchen und Trieben in hohem Grade abhaͤngig iſt, ſo innig mit dem Schul⸗ wie mit dem haͤuslichen Leben zu befreunden ſtrebt, daß es ſich nur heiter in ihm bewegt, daß es in jedem Fall aber, in welchem es in Gegenſatz mit ihm tritt, Unzufriedenheit nebſt Unbehaglichkeit mit ſeinem Zuſtande ſich zuzieht, ja daß es ihm ſchwer wird, dieſen Einrichtungen ſeine Folgſamkeit zu verſagen und ſein Leben von dem ſo angewoͤhnten loszureißen.

Zu den Hauptmitteln der Gewoͤhnung in Schulen gehoͤren neben Einrichtun⸗

gen Geſetze. Regel, Vorſchrift, Gebot, Befehl, Verbot u. ſ. w. ſind darunter begriffen. Geſetze zeichnen dem Kinde das, was es thun und laſſen ſoll, vor und koͤnnen ſein Begehrungsvermoͤgen zu einer feſteren Richtung mit Beſeitigung jeder blinden Wahl fruͤh befaͤhigen. Da, wie bereits geſagt worden iſt, der Knabe weder von Verſtand und Vernunft, noch von Gewiſſen, von moraliſchem Gefuͤhl und Erfahrung, ſondern in uͤberwiegendem Maße von Sinnlichkeit geleitet wird, und da ihm folglich das Wiſſen deſſen, was er thun und laſſen ſoll, fehlt, ſo gebietet ſchon dieſe Naturbeſchaffenheit desſelben Verhaltungsmaßregeln oder Geſetze, welche ſeine mangelnden ſittlichen Begriffe, Urtheile u. f. w. erſetzen, da⸗ mit er in den Stand geſetzt werde, ſeine Beſtrebungen in einer Weiſe, welche ſeinem edleren Menſchenweſen, das ihm unbekannt iſt, wenigſtens nicht widerſtrei⸗ tet, waͤhrend dieſer Zeit erfolgen zu laſſen. Ein gebildeter Verſtand, ein klar ewordenes Selbſtbewußtſein, eine durch gruͤndliche Beobachtung erworbene Le⸗ enserfahrung, ein charakterfeſter Wille, ſich ausſprechend in Geſetz und im Leh⸗ rer, muß ihm darum den Weg zeigen, welchen er einſchlagen ſoll, um zu dem legalen und tu endhaften Handeln ſchon in der Kindheit die erſte Annaͤherung verſuchen zu koͤnnen.

So groß die Aehnlichkeit des Familienlebens rückſichtlich der Einrichtungen, wie auch der Vorſchriften mit dem Schulleben iſt, ſo laͤßt ſich dennoch eine zwi⸗ ſchen beiden obwaltende Verſchiedenheit nicht in Abrede ſtellen. Das erſte im Haus nicht vorkommende neue Verhaͤltniß, in welches das Kind in der Schule tritt, iſt das zum Lehrer. Zwar erblickt jedes in der Familie gut gewoͤhnte Kind wie jeder nicht verdorbene Knabe in ihm den Vater, welcher an ſeiner Stelle in aͤhnlicher Weiſe ſeine Wohlfahrt erhoͤht, indem er in jeder Lage ſich ſeiner mit wahrer Liebe annimmt, indem er Schlechtes von ihm abwehrt, Gutes von ihm