Aufsatz 
Über die Gewöhnung in Schulen / von Conrector Schmidtborn
Entstehung
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Selbſtbeſtimmung Statt findet, wo keine moraliſche Geſinnung zum Thun be⸗ wegt, wo weunnders der Verſtand keine Gründe der Entſcheidung dem Thun und Laſſen an die Hand gibt, wo die Vernunft nicht zum Selbſtbewußtſein, nicht zur eberleJun und zur beſtimmenden Einſicht herangereift iſt, wo weder Ge⸗ fühl noch Gewiſſen recht lebendig geworden ſind, wo rfahrung gar nicht da iſt, wo dennoch der Freiheitsſinn ſich offenbart, wenn gleich in regelloſer Kraft her⸗ vorbrechend, wo zudem kindlicher Leichtſinn nebſt Sinnlichkeit dem Streben ſein Ziel und ſeine Richtung vorzeichnen, wo ſomit ſicherlich das Willensvermögen ein in der erſten Entwicklung begriffenes, ganz ſchwaches, veränderliches und nicht feſtes iſt, da befindet ſich zweifelsohne eine hochwichtige Anlage der Kindesnatur im Zuſtand der höchſten Hilfsbedürftigkeit, geſtattet daher nicht das Selbſtüber⸗ laſſen, ſondern fordert die planmäßigſte Beihilfe, d. i. ein Bilden, welches den Willen von ſeiner nlebrioſten Stufe nach und nach in Uebereinſtimmung mit der Art, in welcher ſich die Natur entwickelt, zu einer höheren emporhebt, welche Art der Einwirkung nun von Seiten der Erziehung auf das Kind nach ſeiner Natur⸗ beſchaffenheit zuerſt erfolgen und welche unterbleiben muß, das ergibt ſich faſt ven ſelbſt aus dem Geſagten. Wenn Verſtand, Vernunft und Gefühl im Kindes⸗ wie im Knaben⸗Alter nur als bildungsfähige Anlagen vorhanden ſind und darum keinen oder nur einen ganz geringen Einſtuß auf das Willensvermögen ausüben. ſo kann die moraliſche Bildung nicht von Vorſtellungen, von Begri sentwicklungen, vom Vorhalten der Gründe und von Gefühlserregungen ausgehen und darf nicht erwarten, daß ſelbſt bei der gluͤcklichſten Zunahme der intellectuellen Kräfte durch Unterricht wie der Gefühle durch Einwirkungen von mancherlei Art ihnen zu der Macht, den Willen mit Beſtimmtheit zu regieren, verholfen werde. Würde Er⸗ jehung dieſe Arten der Einwirkung erwählen, ſo würde in dieſer langen Zeit von ihr fürs wirkliche Ergreifen des Guten und fürs Entfernen vom Böſen eigentlich

ichts geleiſtet, ja durch dieſe Unthätigkeit oder falſche Thaͤtigkeit des moraliſchen Lebens die Richtung aufs Sinnliche faſt abſichtlich von ihr gefördert werden. Die erſte naturgemäße Art der Einwirkung auf die Kindesnatur muß ſonach eine unmittelbar dem Willensvermögen zugewendete ſein, alſo eine ſolche, die den Begierden durch Geſetz und ſeine Handhabung einen feſten Damm, ohne damit die übrigen Geiſtesanlagen in ihrem Vorſchritt zu hemmen, entgegenſetzt und die der Kraßlloſigkeit des eignen Wollens bei mangelnden Motiven zur Selbſtbeſtim⸗ mung durch einen fremden Willen, welcher Thun nebſt Laſſen vorſchreibt, zum Rechten anhält, vom Schlechten abführt, im recht Handeln uͤbt und es zur Fer⸗ tigkeit bringt, fruͤhzeitig zu Hilfe kommt, damit in dieſer Weiſe des Kindes Wille gerichtet und der erſte allein ſichere Grund zum Verſuchen der inwohnenden Kraft das Gute aus eignem Antrieb zu wählen, gelegt werde. Gewöhnung übernimmt dieſen weſentlichen Theil der moraliſchen Bildung. Die Mittel der Hewhnung, welche ſich nicht ganz von denen der Erziehung uͤberhaupt ſcheiden laſſen, und die Art ihrer Anwendung bedingen die Annäherung an das geſteckte Ziel nebſt den

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