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phyſiſchen Triebe.— Der hervortretende Freiheitsſinn beweiſ't das Daſein des
illens, aber auch in der Erweiſungsart ſein Ungeſtüm, ſeine Regelloſigkeit, ſeine Mangelhaftigkeit und ſeine Abhängigkeit vom leiblichen Leben, weßhalb man ihn nur für einen ſinnlichen, nicht feſten, ſchwachen und nicht gebildeten, folglich für eine bloße Anlage in ſeinem Beginnen und Werden halten darf. Das Verlan⸗ gen, Angenehmes zu erreichen, Unangenehmes zu entfernen, Gegenwärtiges zu ge⸗ nießen, den Eingebungen des Augenblicks zu folgen, Zukünftiges, ausgemalt von der regen kindlichen Phantaſie, als reizenden Genuß, zu hoffen, äußeren Eindrük⸗ ken ſich hinzugeben, ja ſich denſelben oft völlig zu überlaſſen; ſowie ferner man⸗ gelhafte Verſuche, den Trieben, Begehrungen und zuweilen ſchon Neigungen den erforderlichen Grad des Widerſtrebens entgegenzuſetzen, fehlerhaften Trieben ihre Kraft zu nehmen, kurz ſich ſelbſt zu ueherſchn und mit Freiheit zu handeln, das ſind nicht weybuläugnende Offenbarungen und mangelhaſte Erweiſungen des Kin⸗ des und Knaben Willens, da das phyſiſche dem pſychiſchen Leben während dieſer Zeit in Zunahme an Stärke vorauseilt und ſogar, als Mittel zum Gedeihen des letzteren, abſichtlich vom Erzieher, neben ſeinen erſten ſchwachen Einwirkungen auf den Geiſt, in ſeinem Wachſen mehr gepflegt wird. Erregen der Sinnesthätigkeit, Erheben derſelben zu Vorſtellungen, 2 hregen, Gedächtnißübungen, oder wohl gar rein mechaniſche Fertigkeiten, welche in dieſer Zeit das Kind uͤbt, vermögen dem Willen noch keine ſelbſtthätige Kraft zum geiſtigen Thun zu gewähren. Die Selbſtbeſtimmung geht aus von Sinnlichkeit, Verſtand, Vernunſt, Gefühl und von Gewiſſen. da Kindes⸗ und Knabenalter behauptet jedoch erſtere, ſich ſchon in vollem Maße lebendig zeigend, als beſtimmender Grund zum Thun, ihre ent⸗ ſchiedene Uebermacht über letztere, indem ihnen noch die hierzu erforderliche Kraft, wiefern ſie auf der niedrigſten Entwicklungsſtufe ſtehen, abgeht.
Die Verſtandeswirkſamkeit auf den Willen bleibt beſchränkt, da weder Be⸗ griffe und Urtheile überhaupt, nech viel weniger über Moralität im Beſonderen vom Kinde erworben worden ſind, und da denſelben, ſelbſt wenn ſie auch einiger⸗ maßen da ſein ſollten, doch Klarheit, Deutlichkeit, Beſtimmtheit und ſonach die davon abhängige Erregungskraft zum Guten ſtets fehlen muß. Jede nicht mit der intellectuellen Ausbildung in ihrer Totalität vor ſich gehende Aufklärung des Kindesverſtandes über Recht, Pflicht, Tugend und über Lebensverhältniſſe, jede Belehrung über Nutzen und Schaden ſeines Thuns, ſowie das Vorfallen rein re⸗ ligiöſer und moraliſcher Gründe, als Motive des Handelns, ſind nicht im Stande den ſinnlichen Vorſtellungen des angenehmen Gennſſes ihre Herrſchaft über ſein Wollen zu rauben, weil ſie nicht begriffen und nicht eingeſehen, ſofern ſie außer ſeiner Denkſphäre, in welche man es nur durch Kunſt naturwidrig verſetzt, liegen, und können daher niemals ſo ſtark auf ſein Begehren wie die klar gewordenen leiblichen Gelüſte einwirken. Um die ſittliche Urtheilskraft des Kindes ſteht es natüͤrlich gar nicht beſſer, denn es fehlt ihr ebenfalls die Ausbildung. Urtheilt das Kind über das, was in einzelnen Fällen recht, unrecht, gut oder bös iſt und


