Aufsatz 
Über die Gewöhnung in Schulen / von Conrector Schmidtborn
Entstehung
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änge und Wirkungen des Gewöhnens lediglich für rein mechaniſche oder rein innliche zu erklären, abhängen. Aus dem weiteren Verlauf dieſer Abhandlung ſoll es ſich vielmehr ergeben, daß die Gewöhnung nicht eine Abrichtung und noch weniger ein der moraliſchen Erziehung Fremdes oder wohl gar ihr Entgegengeſetz⸗ tes ſei, ſondern daß dieſelbe den naturgemäßen und ſtufenweiſen Anfang und die unentbehrliche Grundlage derſelben, welche folglich immer den inneren Menſchen feſt im Auge behält, ausmachen müſſe.

Groß iſt der Umſang der Gewöhnung, wieſern ſie das Löſen der Aufgabe, das Kind zum Erfüllen alles Gebotenen, Rechten und Guten, ſowie zum Unter⸗ laſſen alles Unrechten und Böſen zu beſtimmen, worin die moraliſche Vorerziehung beſteht, ſich als zu erreichendes Ziel vorſteckt und dasſelbe mit Ausdauer verfolgt. Das ganze Thun des Kindes und Knaben nebſt dem Unterlaſſen deſſen, was von ihm zu thun iſt, gehört mithin ins Bereich der Schulgewöhnung. Hierdurch be⸗ zieht ſich ihre Wikfamkeit auf alle moraliſchen Anlagen und beſonders auf alle daraus entſpringenden Erweiſe des inneren Lebens. Die Gewöhnung ans Rechte und Gute erſtreckt ſich ferner auf alle Individuen der Schule, die Entwöhnung dagegen meiſtens mehr auf Einzelne. Fehlerhaftes in Folge verkehrter häuslicher Erziehung oder anderer nachtheiliger Einflüſſe von Außen muß bei manchen Zög⸗ lingen vorerſt, bevor die Gewöhnung ihr Werk beginnen kann, vermindert oder vertilgt worden ſein. Fuͤr Entwöhnung arbeitet zwar im Allgemeinen auch ſchon die Gewöhnung, als ſolche; ihr zur Seite gehe jedoch ſteis eine planmäßig ſpe⸗ cielle Behandlung ſolcher Kinder, beſtehend im Ueberwachen, Beſeitigen und Ab⸗ ſchneiden tadelnswerther Gewohnheiten, damit Kinder der Art in den Stand ge⸗ ſetzt werden, gleichen Schritt im Befolgen des Gebotenen und im Unterlaſſen des Verbotenen mit ihren beſſer gewöhnten Genoſſen zu halten. Hieraus ergibt ſich der Umfang der Schulgewöhnung im Beſondern. Sie will zunächſt die Thätig⸗ keiten der Schüler, von welchen vorzüglich das Gedeihen der intellectuellen Bil⸗ dung abhängt, in Bewegung ſetzen und ſucht darum die wnanuien Schultugen⸗ den, nämlich Gehorſam, Fleiß, Ausdauer, Aufmerkſamkeit, Ordnung, Ruhe, ſtreng rechtliches Verhalten der Kinder untereinander u. ſ. w. vor jeden weiteren Er⸗ ziehungsgeſchäft zu verwirklichen. Gehorſam und Fleiß ſtehen unter dieſen Schultugenden oben an. Aus welchen Gründen beiden dieſer Nang gebühre, er⸗ hellet zur Genüge aus der weiteren Betrachtung. Erzeugung dieſer Schultugen⸗ den um des Unterrichts willen iſt indeſſen durchaus nicht die alleinige Urſache, aus welcher die Schule an ſie gewöhnt, da dieſelben für ſich einen eignen Ziel⸗ punkt jeder Schule ausmachen ſollen. Hat jede Schule die moraliſche eben ſo gut wie die intellectuelle Entwicklung ihrer Zöglinge zu erſtreben, was man be⸗ reitwillig in der Theorie zugeſteht, aber in der Praris jetzt mehr als je verläug⸗ net, dann hat ſie gleichfalls für eine wirklich moraliſche Vorbildung, zum Theil beruhend auf dem Erwirken dieſer Schultugenden, ohne alle Rückſicht auf Vor⸗ weile für Kenntniſſe und für Verſtandesbildung, zu ſorgen. Das erwähnte ſtreng