Aufsatz 
Darlegung und Prüfung der Kant'schen Kritik des ontologischen Beweises für's Dasein Gottes. Zur Begrüßung der 32. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12 es sei ein Wesen, dessen Nichtsein nicht gedacht werden könne, so behauptet man wieder etwas, was noch zu beweisen ist. Um die Nothwendigkeit des empirisch Gegebenen einzusehen, muss man einsehen, dass und wie es bedingt ist, der Begriff der Bedingtheit aber grade soll bei dem höchsten Wesen wegfallen, eine Forderung, die vielleicht das Unbedingt-Noth- wendige undenkbar macht. Man hat nun diesen auf's Gerathe- wohl gewagten Begriff mit vielen Beispielen zu erläutern gesucht und sogar in eine Kategorie gestellt mit dem mathematischen Satze: In jedem Dreieck existiren drei Winkel. Dies ist noch dazu ein Urtheil, also kein Beispiel, was von den Dingen selbst, hergenommen ist. Die innere Nothwendigkeit eines Urtheils involvirt aber noch nicht die Nothwendigkeit des Subjekts und Prädikatsbegriffes d. h. aus dem Satz: Jedes Dreieck hat drei Winkel folgt noch nicht, dass drei Winkel existiren, sondern nur unter der Voraussetzung, dass ein Dreieck vorhanden ist. Trotz dieser Bedingtheit liegt nun voranstehendem Beispiel eine so grosse Macht der Illusion zu Grunde, dass man auch bei einem apriorischen und beliebigen Setzen des Begriffs im Denken seine Existenz mitgesetzt denkt. Dieses Setzen der Existen⸗ im Denken ist aber noch nicht die Existenz selbst. Ich kann daher den Subjektsbegriff sammt dem Prädikatsbegriff aufheben, ohne dass ein Widerspruch entsteht, denn obiger Satz vom Dreieck ist ein identisches Urtheil, bei welchem nur dann ein Widerspruch einträte, wenn der Prädikatsbegriff ohne den Subjektsbegriff aufgehoben würde. Ebenso verhält es sich mit dem Satze: Gott ist allmächtig. Hebe ich die Existenz Gottes auf, so fallen auch alle göttlichen Attribute weg, und ein Wider- spruch könnte nur dann entstehen, wenn man den Subjektsbe- griff als einen absolut nothwendigen nicht aufheben dürfte. Dies ist nun grade, behauptet man, bei dem Gottesbegriff und