Aufsatz 
Die Frankenkönigin Brunichilde
Entstehung
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dieſe Beſchuldigung gegründet iſt, laſſen wir dahin geſtellt; wahrſcheinlich iſt aber durchaus nicht, daß eine Frau, die ſchon mehrere Urenkel beſitzt und bis dahin ihre weibliche Ehre fleckenlos bewahrt hat, in hohen Alter ſich noch eines Vergehens ſchuldig macht, von dem ſie ihre Jugend und beſſeren Tage rein zu erhalten wußte.

Weit ſchwerer iſt der der Königin gemachte Vorwurf, daß ſie ihren Enkel Theoderich abſichtlich entnervt und von einer rechtmäßigen Ehe zurückgehalten habe, um durch eine Gemahlin des eigenen Einfluſſes nicht beraubt zu werden. Wenn Theoderich der einzige in der merovingiſchen Königsfamilie wäre, welcher einen tadelnswerthen Lebenswandel geführt, ſo läge Grund vor, die Urſache in einer verfehlten Erziehung zu ſuchen: bei dem Hange zur Sinnlichkeit aber, der bei allen Gliedern dieſer Dynaſtie herrſcht, iſt es ebenſo möglich, daß er dem Beiſpiele der Ahnen und der eigenen Neigung gefolgt ſei als dem Willen der Groß⸗ mutter, deren Gemahl Sigibert allein eine rühmliche Ausnahme von ſeinen Brüdern gemacht und durch ſein ſittenreines Leben in einer verdorbenen Zeit ſich großen Beifall erworben hatte. Vielweiberei war an den fränkiſchen Höfen an der Tagesordnung, und ſelbſt der wegen ſeiner Frömmigkeit ſo viel geprieſene Gunthramm lebte in keinen beſſeren Eheverhältniſſen als die Großen ſeiner Zeit.) Ein Mann, welcher in ſo früher Jugend in den Beſitz der Herrſchaft gekommen iſt, wie Theoderich, und dadurch die Mittel hat, alle ſeine Lüſte zu befriedigen, iſt leicht der Gefahr ausgeſetzt, ganz in ſie zu verſinken, wenn er nicht große ſittliche Kraft in ſich hegt, die ihn allein auf den Weg des Guten zurückführen kann. Eine ſolche geiſtige Stärke lag aber, wie die Geſchichte beweiſt, nicht in Theoderich: er ging darum in dem Strudel des Laſters unter, aus welchem ihn die Großmutter nicht herauszuziehen vermochte. In wiefern Brunichilde bei ſeiner Erziehung Fehler gemacht, iſt nicht zu ermitteln: ſonderbar iſt es aber, daß ſie, die nach Angabe des Papſtes Gregor des Großen den Childebert ſo vortrefflich zu erziehen verſtanden hatte, bei dem Enkel dieſe Kunſt ganz und gar vergeſſen haben ſoll..²) Was die Verſtoßung der Erminberta anlangt, ſo läßt ſich nicht bemeſſen, welcher Antheil auf Brunichilden und welcher auf Theudelana fällt, da Erminberta ſelbſt auch Veranlaſſung gegeben oder bei dem weiten Herzen Theoderichs andere Urſachen gewirkt haben können.³) Jedenfalls iſt der ange⸗ führte Grund nicht der wahre, denn Brunichilde konnte durch jedes Nebenweib gerade ſo ihres Einfluſſes beraubt werden, wie Galeſvintha durch Fredegunde verdrängt worden war, und blieb dieſer Gefahr ausgeſetzt, ſo lange ſie dem Theoderich nicht allen Umgang mit dem weiblichen Geſchlechte abzuſchneiden vermochte. Sie muß daher andere Mittel gehabt haben, welche ihr die Behauptung ihrer Stellung möglich machten.

Weiter ſoll das ſchwere Zerwürfniß zwiſchen Theodebert und Theoderich durch Brunichilden veranlaßt worden ſein. Es ſteht richtig, daß die Großmutter den jüngeren Enkel höher ſchätzte, aber dieß war des Theodebert eigene Schuld. Schon der Zweifel, der auf ſeiner Geburt ruhte und bei Brunichilden zur Ge⸗ wißheit geworden ſein mochte,¹) der Zwieſpalt mit Belichilde, endlich die Verſtoßung der Großmutter von ſeinem Hofes) müſſen die Liebe in ihrem Herzen erſtickt haben. Daß aber die ſtaatskluge Frau in einer Zeit einen Krieg zwiſchen den Enkeln hervorgerufen habe, in welcher nur Einigkeit ſie vor den Fortſchritten des Feindes retten konnte, ſteht ganz im Widerſpruch mit ihrem ſonſtigen politiſchen Verhalten und endlich

¹) Hist. Franc. Epit. 56.

2) S. Gregorii Papae Registri epistolarum l. VI. ep. 5.(nach der Ausgabe der Benedictiner) Cui(Childeberto) non solum incolumem rerum temporalium gloriam conservastis, verum etiam aeternae vitae praemia providistis, dum mentem ipsius in radice verae fidei materna, ut decuit, et laudabili institutione plantastis. Unde non immerito contigit, ut cuncta gentium regna praecelleret: quippe qui earumdem gentium creatorem et pure colit et veraciter confitetur.

3) Vergl. p. 8.

4) Fred. 27. Brunichildis Theudericum monuit, ut contra Theudebertum moveret exercitum, dicens, quasi Theudebertus non esset fllius Childeberti, nisi cujusdam hortulani, et Protadius ipsi quoque consilio ad- sistens, tandem jussu Theuderici movetur exercitus. Vergl. auch Fred. 37. Gesta reg. Franc. 38.

5) Vergl. p. 7.