Aufsatz 
Beiträge zur Frage der rationelleren Gestaltung des Gesangunterrichtes an den Gymnasien : mit besonderer Berücksichtigung der hessischen Verhältnisse
Entstehung
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haben(vgl. S. 9).1) Oder möchte jemand das als ein erstrebenswertes Ziel hinstellen, mit einer Auslese von Schülern schwierigere Kompositionen zur Aufführung zu bringen? Wer dies bejaht, verkennt die Zwecke der Schule. Sollte die Schülerzahl einer Anstalt so gross sein, dass ihre Vereinigung zum Chor aus musikalischen und pädagogischen Gründen unstatthaft wäre, dann müssen eben zwei selbständige Chöre gebildet werden, die vollständig getrennt unter je einem Lehrer singen. Über die Art der Abhaltung der Chorstunde vgl. S. 14.

Hinsichtlich der Auswahl der Chöre ist zu beachten, dass der Satz möglichst einfach, jedoch harmonisch schön und nicht gewöhnlich sei. Der mässige Umfang der Bässe und namentlich der Tenöre ist besonders in Betracht zu ziehen.

Indem ich mir vorbehalte, auch über diesen Punkt, sowie über das gesamte Gebiet des Chorge- sanges an andrer Stelle Genaueres zu geben, stelle ich noch kurz zusammen, was etwa nach meiner Ansicht der Schüler im Laufe der Zeit kennen lernen sollte.

1. Altere Musik. Einige leichtere Kompositionen von Palestrina. Sehr empfehlenswert sind ferner einzelne Kompositionen aus dem Florilegium Portense ²).

2. Neuere Musik. Bach. Für die Schule können nur die Choräle aus den Passionen und Kantaten in Betracht kommen. In dieser Beziehung stimmen wir Todt(Vademecum durch die Bach'schen Kantaten, Essen 1895, Progr.) bei, der ein ausgedehnteres Studium der Bach'schen Choräle fordert. UÜber das Ziel hinaus aber scheint er uns zu gehen, wenn er S. VI. verlangt: Wenn sie(die Bach'schen Choräle) bewältigt werden können, was hindert einen Schritt weiter zu thun zu solchen Chören, wo die Singstimmen schliesslich auch nichts weiter bringen, als den einfachen Choral?... Von dort ist nur ein kleiner Schritt zu den Chören, wo neben der den Choral haltenden Stimme, gewöhnlich ist es der Sopran, die anderen Stimmen in leichter Bewegungen erscheinen..... Wenn so bei fleissiger Pflege Bachs Musik den Schülern höherer Lehranstalten ans Herz wüchse, was für einen veredelnden Einfluss müsste das ausüben! Aus wieviel Kanälen würde sich dann der schöne Idealismus des Komponisten in die Adern des Volkslebens ergiessen!... Derartiges ist ideal gedacht könnte es doch verwirklicht werden! aber kaum durchführbar. Wenn wir daran festhalten, dass möglichst alle Schüler für die Musik gewonnen werden, wenn ferner die Schule nur die Vorbereitung für den Kunstgenuss im Leben übernehmen kann, wenn endlich in kurz bemessener Zeit ein nicht geringes Pensum zu erledigen ist, so müssen wir füglich auf einen derartig speziellen Betrieb der Vokalmusik in der Schule verzichten. Wir können trotzdem dem gezeichneten Ideale nahekommen, wenn wir unsre Schüler durch Erziehung im Einfachen zum Verständnis des Schwierigeren reif machen.

Händel. Die Kenntnis des Typus des Oratoriums haben wir in das Pensum der 1 eingesetzt, nicht zum wenigsten deshalb, weil Teile eines Händel'schen Oratoriums in das Bereich des Schulgesangpensums herangezogen werden können. In der Frage jedoch, ob man ganze Oratorien aufführen soll oder nur einzelne Jeile, stellen wir uns auf die Seite derjenigen, welche die letztere Ansicht vertreten. Es kann nur darauf ankommen, den Typus dieser musikalischen Bildungsform klar zu legen, und dazu bedarf es nur einer Auswahl aus einem Ganzen. Auch hier wollen wir nur eine Vorbereitung geben für die Weiterbildung im Leben.

Gluck. Die Chöre der älteren Oper ziehen wir deshalb heran, weil sie zu dem Gesamtbild Tragödie gehören. Auch passen sie hinsichtlich der Schwierigkeit zum grösseren Teile in den Rahmen der Schulgesangslitteratur.

Haydn. Wie bei Händel kommen auch hier nur einzelne Chöre in Betracht. Am besten eignet sich für die Schule dieSchöpfung. Der Typus der Motette lässt sich neben Grell und B. Klein(für den Männerchor) an den betr. Haydn'schen Kompositionen erarbeiten.

Mozart und Beethoven können in ihren charakteristischen Werken auf der Schule nicht verwandt werden. Trotzdem können wir mit einem(wenn auch übertragenen) Chore des letzteren Bedeutung den Schülern einigermassen vorführen: ich meine jenes wunderbare Gesangsstück aus der Appassionata. Auchdie Himmel rühmen des Ewigen Ehre passt für unsre Zwecke. Will man aber Mozart und Beethoven den Schülern näher rücken, so bietet sich neben einer ausgedehnten

¹) Die Nichtsänger bleiben bis zum Eintritt in den Chor Hörer, ebenso werden die Teilnehmer des Mutations- kursus von Zeit zu Zeit zu einer Chorprobe als Hörer zugelassen. ²) vgl. hierzu des Verfassers Aufsatz über Bodenschatz, Siona 22. Jahrg. 2. S. 21 25.