Aufsatz 
Beiträge zur Frage der rationelleren Gestaltung des Gesangunterrichtes an den Gymnasien : mit besonderer Berücksichtigung der hessischen Verhältnisse
Entstehung
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19 Prima.

Die beiden Primen singen in der Einzelgesangstunde zusammen. Ihr Pensum wäre etwa- folgendes:

1) Rhythmik und Metrik parallellaufend mit der Lektüre des Horaz und des Sophokles.

Bewegung in gleichen Werten, Unterzweiteilung, Zusammenziehung, Punktierung, Syn- kopierung, Synkopische Zusammenziehnng. Pausen. Taktarten, Umdeutungen, Dehnungen ¹).

Mit diesen modernen Begriffen werden in Beziehung gesetzt die antiken: genus par, genus duplex, genus sescuplex. rowij u. s. w. Im Anschluss hieran einiges über musikalische Phrasierung.

Aus der Poetik: Kola, Metra, Strophe, Antistrophe, Epode Stollen, Abgesang, Bar(Meister- singerpoesie), Leich. Die typische Bedeutung der Strophenbildung für die musikalische Formen- bildung. Das Prinzip der Dreiteilung.

Eine willkommene Ergänzung dieses Stoffes und zugleich des Bildes der alten Tragödie bilden Mendelssohns Antigone und Bellermanns Oed. Rex und Oed. Colon.(Manuskripte). Freilich ist hierzu ein vierstimmiger Männerchor nötig. Ob sich dieser einrichten lässt, hängt von den Ver- hältnissen ab. So verfügt z. B. der Verfasser z. Z. über einen etwa 40 Sänger starken Chor, während andere Schulen des Landes nicht imstande sind, einen achtstimmigen Männerchor, wie ihn dieAntigone fordert, zusammenzustellen. Für den Fall, dass die Chöre nicht gesungen werden können, bleiben die recitativischen Abschnitte, die jedenfalls herangezogen werden müssen. Für einstimmigen Chor mit Klavierbegleitung hat C. Lang eine ansprechende Musik geschrieben(mit griech. Text). 2) Während Mendelssohns Musik vollständig modern ist, suchte Lang die wichtigsten Gesetze in der Führung der Gesangsmelodie nach den Regeln der Alten zu befolgen. Die Klavierbegleitung(nebenbei bemerkt sehr ansprechend) ist freilich ebenfalls modern. Auch Thierfelders Bearbeitungen sind zu empfehlen.

2) Antike Musik. Wenn der Primaner die drei apotelestischen Künste kennen lernt, wenn ihm unter den musischen die Poesie vertraut, die Orchestik einigermassen wenigstens bekannt ist, warum sollte da die erste der musischen Künste zu kurz kommen? Das homerische Heldenlied und seine Interpreten, die dοι⁸ο, führen uns von selbst auf die griechische Musikübung. Der Linosgesang, das Schnitterlied(τuεᷣοοσα, die Totenklage(0σσmοο), die ouénta, sollen dies alles leere Begriffe bleiben? Von da führt der Weg leicht unter Benutzung der Horazlektüre(Archilochos, Alkäos u. s. w.) zu Pindar und weiter zur Tragödie. Ja, dies Bild lässt sich bis in unsre Zeit erweitern(und dies passt sehr gut zu unsren Vorschlägen), wenn man die Bedeutung des Horaz für die Dichter unsrer Kirchenlieders) in Betracht zieht.

Über musikalische Dinge(besonders über die Instrumente⁴) war in früheren Klassen und ist jetzt noch öfters die Rede. Diese werden nun zusammengefasst und ergänzt.

Die erhaltenen Reste griechischer Komposition(zuletzt abgedr. bei Jan, mus. script.) werden besprochen. Einiges über die griech. Tonarten zu sagen, wird sich von selbst ergeben, falls dem Schüler z. B. die Lang'sche Musik vorgeführt wird, in der der grösste Teil der griech. Tonarten zur Anwendung gebracht ist.

Dem Schüler muss klar werden, dass der Grieche die Harmonie nach unsren Begriffen nicht kannte, dass er aber trotzdem in engem Kreise ein ausgebildetes musikalisches System besass. Auch der Endzweck griech. Musikübung, zum Masse zu stimmen, darf nicht unerwähnt bleiben, ebenso die sich aus diesem Grundsatz ergebenden Vorschriften für die Komponisten. Die Erwähnung der griech. Notenzeichen schliesst sich an an die metrischen Zeichen der οeν μνο. Kurzer Hinblick auf die Weiterentwickelung des Notensystems seit Guido von Arezzo. Guidos epoche- machende Erfindung.

¹) Riemann, Musik. Dynamik und Agogik.

²) Programm des Gymn. zu Lörrach 1890.

²) z. B.Nun preiset alle alkäisch.Christe du Beistand deiner Kreuzgemeine sapphisch.

) Aus der Homerlektüre sind bekannt: σριμςᷣ und æενααιςι ϑ(JI.) 603. N 731. a(Od.) 153. 9 67, 69. 1516G1% 495, K 13. G /% K 13. dH.σπιιν‧ ₰ϑ 219. Aus der Lektüre des Caesar, Ovid, Vergil, Horaz und des Tacitus sind u. a. folgende Instrumente bekannt: tibia(Phaedr. 5, 7. 8. Verg. Hor.), bucina(Verg. Aen. 7, 519. 11, 475. Tac. ann. 15, 30. 2. Caes. bell. civ. 2. 35), cornu(Ov. Hor.), lituus(Ov. Verg. Hor.), tuba (Caes. 2. 20; 7. 47; 7. 81. Hor. sat. 1. 6, 43; ad Pis. 502. Tac.)