Sexta.
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Ist der Begriff der ganzen und halben Töne einigermassen(denn die weitere Ausbildung bleibt den folgenden Klassen) erfasst und praktisch erprobt, so wird leicht die Bildung von g dur und d dur erfolgen können.
Die Verbindung des Gesanges mit dem Religionsunterricht kann auf dieser Stufe nur eine äusserliche sein, ebenso die mit Turnen(welches auf dieser Stufe noch kein eigentliches Turnen ist), da Singen und Turnen bei der noch kaum ausgebildeten Fähigkeit des Schülers, zwei, wenn auch leicht ineinander greifende Operationen gleichzeitig auszuführen, störend wirken würde. Auch liegt die Gefahr nahe, dem jugendlichen Organismus durch die Verbindung beider Thätigkeiten zu schaden. Nur ganz bekannte Lieder, die vollständig in Fleisch und Blut der Schüler übergegangen sind, wird man ausnahmsweise in der Turn(Spiel-)Stunde singen lassen können.
Sexta.
Aufgabe dieser Klasse ist die Kenntnis des Dur-Tonleitersystems(Unterschied zwischen t und b) und der Intervallenlehre. Im zweiten Semester, nachdem die Zahlwörter im Lateinischen behandelt worden sind, kann mit der Lehre von den Intervallen begonnen werden. Zunächst werden die Stufen durch Zahlen[I., 3., 7. u. s. w. Stufe] benannt, dann treten die Termini Prime, Terz, Septime u. s. w. an ihre Stelle und werden von nun an ausschliesslich angewandt. Erst später bei Erlernung der Elemente der Harmonielehre tritt der Begriff„Stufe“ wieder ein.
Mechanische Einübung der Intervalle ist nicht zu umgehen. Das Pensum der VI ist so gross und schwierig, dass in V eine umfassende Wiederholung bezw. Erweiterung am Platze ist.
Auf dieser Stufe darf der Lehrer bisweilen einen musikalischen Terminus, der jedenfalls aber, soweit es möglich ist, durch das Lateinische erklärt und immanent repetiert werden muss, anwenden. Die Zusammenstellung aller Termini fällt einer höheren Stufe zu.
Eine weitere Aufgabe dieser Klasse ist die Unterscheidung der beiden gebräuchlichsten Schlüssel (Bass- und Diskantschlüssel), sowie der Erlernung der Noten im Bassschlüssel. Dies wird verhältnis- mässig rasch erfolgen können, da das Prinzip der Erlernung schon in V. I gegeben ist. Zugleich aber muss der Schüler darüber klar werden, warum zwei¹) Arten von Schlüssel im Gebrauch sind, und wodurch dieser Gebrauch bedingt ist. Der Schüler wird nach der Entwickelung in V.I leicht finden, dass die Anzahl der Striche über den Ur-Linien bei jedem Tonfortschritt wachsen muss und schliesslich so unübersichtlich würde, dass ein schnelles Ablesen nur mit grossen Schwierigkeiten verbunden wäre. Er wird auch finden, dass man diesem misslichen Zustande dadurch abhelfen kann, dass man ein verändertes, von neuen Gesichtspunkten ausgehendes System zur Anwendung bringt.
Gesichtsbild und Hörbild zu vereinigen, ist die wichtigste Aufgabe dieser Klasse. Diese sich von Klasse zu Klasse erweiternde UÜbung darf von vornherein nicht einseitig geschehen. Dies wird aber nur möglich sein durch das Studium des zweistimmigen Gesanges, über den weiter unten genauer gesprochen werden wird. Hier braucht blos betont zu werden, dass sich das gesteckte Ziel leicht dadurch erreichen lässt, dass alle Schüler abwechselnd führende und begleitende Stimme singen müssen, wodurch eine Reproduktion des Hörbildes allein, wie sie leider nur zu oft im Gesangunterrichte sich breit macht, fast ausgeschlossen ist. Eine ausdrückliche Unterscheidung in„Sopran“ und„Alt“ hat demnach auf dieser Stufe noch keinen Platz, sie tritt erst ein, wenn die Stimmorgane selbst diese Scheidung fordern. In der Chorstunde werden alle Sextaner Sopran singen, denn ausgeprägte Altstimmen sind hier selten. Ausnahmen, die vielfach auf ungenügender Ausbildung der Stimmen beruhen, müssen natürlich berücksichtigt werden.
Die Auswahl der zu singenden Lieder richtet sich, wie in V.1, zum grössten Teile nach dem deutschen Unterrichte und zwar so, dass ein Teil der Lieder sowohl im Deutschen als im Gesang durchgearbeitet wird, ein Teil im Gesang allein zur Vertiefung der im Deutschen erarbeiteten Bilder verwandt wird.
Hiernach würden etwa zu singen sein:
I. Vorbesprechung im Deutschen und musikalische IIlustration: Der reichste Fürst; Der gute Kamerad; Heidenröslein; Des Knaben Berglied; Am Brunnen vor dem Thore; Goldne Abend- sonne u. a.
¹) Diese beiden genügen für die Zwecke der Schule; die Forderung, Geläufigkeit im Lesen der vier alten Schlüssel zu erzielen, ist— selbst bei Oberprimanern— übertrieben.


