Aufsatz 
Beiträge zur Frage der rationelleren Gestaltung des Gesangunterrichtes an den Gymnasien : mit besonderer Berücksichtigung der hessischen Verhältnisse
Entstehung
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Zeit der Gesang- stunde.

III. Ein Lehrplan.

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denken und zu singen, nicht nachsingen, so muss man ihm antworten, dass dies zwar ein sehr erwünschtes Ziel wäre, dass aber unsre spärlich zubemessene Zeit derartige, nur langsam zum Ziele führende Experimente kaum zulassen wird, falls wir alle Schüler bilden wollen. Denn gerade im Gesange dürfte Comenius recht haben mit seinem Worte:der Mensch ist ein animal udμυννιακν. Ausserdem setzt diese Methode ein so vorzügliches Lehrermaterial voraus, wie wir es bis jetzt noch nicht haben.

Nicht unwichtig erscheint auch die Frage: wann soll die Gesangstunde stattfinden? Der Ver- fasser kennt Fälle, in denen die Gesangstunde von 1 bis 2 mittags, nachdem die Schüler bis 12 Uhr Unterricht hatten, abgehalten wurde. Eine unstatthaftere Zeit kann nicht gefunden werden. Ermüdet und mit vollem Magen kommt der Schüler zur Stunde und wird sich nur in seltenen Fällen teil- nehmend bezeigen können. Allerdings sind derartige Missgriffe nur da möglich, wo Vormittags- und Nachmittagsunterricht besteht. In grossen Städten verbieten glücklicherweise die Umstände derartiges. So wenig die Turnstunde eine eigentliche Erholungsstunde ist(wie dies erst jüngst von einem Arzt nachgewiesen wurde), so wenig die Gesangstunde. Sie ist also zu einer Zeit abzuhalten, in der der Schüler befähigt ist, am Unterricht wirklich teilzunehmen.

An unsrer Anstalt zu Laubach liegt der Gesangunterricht im Sommersemester, in dem Vor- mittagsunterricht durchgeführt ist, an einem Nachmittag, an dem eine Stunde wissenschaftlichen Unterrichts und eine Turnstunde vereinigt sind, im Winter(Vormittags- und Nachmittagsunterricht) abends von 4 5. Dass sich die Gesangstunde im ersteren Falle am richtigen Platz befindet, bedarf keiner Erläuterung, aber auch im letzteren Falle scheint die Stunde nach meinen Erfahrungen nicht unrichtig angesetzt zu sein. Freilich wäre mir im Interesse für den Gesang auch im Winter der Vormittagsunterricht lieber, ja ich möchte sogar sagen, dass gerade die Schwierigkeit in der Festlegung der Gesangstunde bei Vormittags- und Nachmittagsunterricht ein nicht unwesentliches Argument für die Berechtigung des Vormittagsunterrichts darstellt. Ist dieser jedoch nicht einge- führt, so wird man sich zwischen den Endstunden von 11 12 oder 4 5 zu entscheiden haben, unter denen ich wiederum jener von 4 5 den Vorzug gebe, weil ihr nur zwei wissenschaftliche Stunden vorausgehen, die die Sprachwerkzeuge des Schülers weniger anstrengen, als etwa die vorausgehenden drei Vormittagsstunden, und weil der Zusammenhang der übrigen Stunden so weniger gestört wird, als wenn die Gesangstunde von 1112 vormittags angesetzt ist.

Indem wir nunmehr zur Festlegung eines Entwurfs für eine rationelle Behandlung des Gesang- unterrichts übergehen, bemerken wir zuvor, dass die Eingliederung desselben in den übrigen Unterricht, wie wir sie befürworten, sich auf die Fächer Deutsch, Geschichte, Religion, in zweiter Linie auf Naturwissenschaften, Griechisch, Turnen, Lateinisch erstreckt. Natur- gemäss flndet er an den beiden ersten Fächern eine innigere Anknüpfung, und umgekehrt sind beide auf ihn angewiesen. Auf den unteren Klassen wird besonders das Deutsche, auf den oberen der Geschichtsunterricht mit dem Gesang in Verbindung zu setzen sein. Sehr einfach ist die Anknüpfung an die Religion. Die theoretischen Betrachtungen des Mutationskurses schliessen sich zum Teil an die anatomischen Betrachtungen der Tertia, während die Physik in den Oberklassen neue Anknüpfungspunkte zulässt. Das Latein kommt nur soweit in Betracht, als es zur Erklärung und Erläuterung der musikalischen Termini herangezogen wird, das Griechische auf der Oberstufe im Anschluss an die Sophokleslektüre und die Rhythmik.

Die Quelle aber, aus der der Gesangunterricht, wenn anders er nicht isoliert dastehen will, schöpfen muss, ist das Volkslied in allen seinen Phasen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, soweit sein Inhalt in die Schule passt. Das deutsche Volkslied muss der Mittelpunkt des gesamten Gesangunterrichts sein. An ihm lässt sich alles erlernen, was wir unseren Schülern auf den Lebensweg mitgeben müssen. Neben ihm stehe der Choral, nicht minder als jenes echtes Volksgut. Ihm muss eine weit intensivere Pflege zuteil werden, als dies gewöhnlich geschieht.

Nicht aber soll, wie dies scheinen könnte, die Kunst-Musik verbannt sein, nein! nur soll sie zurücktreten und wie in ihrer eigenen Entwickelung, so auch auf der Schule ein Produkt jener sein, bis zu dem zu gelangen uns die kurz bemessene Zeit und der Zweck der musikalischen UÜbung