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der allgemeinen Bildung ist. Daraus ergiebt sich, dass der Gesang-(Musik) Unterricht nicht allein für die musikalisch Begabteren da ist— diese finden ihren Weg später doch einmal—, sondern allen gerecht werden muss. Zusammen mit jenem Gesichtspunkte der harmonischen Verbindung mit den übrigen Fächern liegt hierin das Lehrziel des auf der Schule möglichen musikalischen Unterrichts.
Das Lehrerideal für eine derartige Behandlung unsres Faches— um nun wieder auf die Lehrerfrage zu kommen— wäre ein ordentlicher Lehrer der Anstalt, der die zur Erteilung des Unterrichts genügenden Kenntnisse besitzt, oder derjenige Lehrer der freien Künste, der befähigt (und berechtigt) ist, auch andere Stunden an der Anstalt zu erteilen. Auf den ersten Blick wird manchem die Forderung, den Gesangunterricht durch einen akademisch gebildeten Lehrer erteilen zu lassen, befremdlich erscheinen ¹). Bei näherem Zusehen gestaltet sich die Sache anders.
Man giebt heutzutage den Lehrern anerkennenswerterweise staatliche Beihilfe zu ihrer weiteren Ausbildung. Der Zeichenlehrer bekommt das Geld zu einer fünf- bis sechswöchigen Ferienreise nach einer Malerakademie, der Philologe nimmt an stattfindenden Kongressen und Exkursionen teil oder erhält ein Stipendium für einen zeitweiligen Aufenthalt im Auslande, der Turnlehrer kann an den sog. Turnkursen teilnehmen. Warum sollte es also unmöglich sein 1) eine Stelle zu finden, an der sich akademisch gebildete Lehrer die zur Erteilung eines rationellen Gesangunterrichts nötige Ausbildung verschaffen können, 2) auch für diese Lehrer einen staatlichen Beitrag zu ihrer Ausbildung sicher zu stellen(vgl. die Orgelkurse der Volksschullehrer)?
Wir betonen ausdrücklich: vollendete Musiker, Virtuosen und Komponisten sollen hier nicht erzogen werden, dies ist einfach unmöglich; aber pädagogisch gebildete Lehrer sollen befähigt werden, auch mit scheinbar geringeren Mitteln die Erteilung des Schulgesangunterrichts in echt künstlerischer Weise übernehmen zu können. Dass dies„künstlerisch“ geschehen kann, werden die zugeben, die in dieser Beziehung praktische Erfahrungen gemacht haben.
Bezüglich der praktischen Ausführung dieses Vorschlags darf man nicht übersehen, dass ein Zeitraum von fünf bis sechs Wochen kaum hinreichen wird, um den Gesanglehrer auszubilden. Es wird also nicht zu umgehen sein, mindestens einmal eine Wiederholung bezw. Erweiterung der gesammelten Kenntnisse eintreten zu lassen; doch sind dies Fragen, die sich ohne Zweifel nicht allzu schwer erledigen lassen. Selten ist wohl der Fall, dass an einer Anstalt ein Lehrer, der sowohl seine Studien auf der Hochschule, als auch im Konservatorium gemacht hat, sich vorfindet. Aber auch die Zahl dieser Lehrer würde beträchtlicher sein, wenn man dem Studenten, der Lust und Liebe zur Musik hegt, den Besuch musikalischer Bildungsstätten erleichterte, oder die sich etwa zu- sammenfindende Gesamtzahl der Musikbeflissenen in Kursen ähnlich denen der zukünftigen Geistlichen in Ansehung des oben ausgesprochenen Lehrzieles unterrichtete.
Warum aber steht es nicht schon längst so mit dem Gesangunterricht; welches sind die Hindernisse eines derartigen Betriebes?
Die meisten sind bereits erwähnt, eins bedarf noch einer besonderen Besprechung.— Es ist nicht zu verkennen, dass unter den Lehrern vielfach eine gewisse Abneigung gegen den Gesang- unterricht, der gleichsam minoris pretii ist, noch heute besteht. Noch heute gilt, was Stallbaum 1842(über den inneren Zusammenhang musikalischer Bildung der Jugend mit dem Gesamtzwecke des Gymnasiums) schrieb:„Man erklärte die Gesanginstitute und Singechöre selbst für eine mit der Gelehrtenschule nicht wohl verträgliche Zugabe, die mit dem Zweck der Gesamtanstalt im offenen Widerspruch stehe und wenigstens den wissenschaftlichen Studien einen guten Teil der besser zu benutzenden Zeit entziehe; bald fasste man die mit ihnen verbundenen und durch die Zeit gleichsam geheiligten Missbräuche ins Auge und bezeichnete sie als Missbräuche, welche nur durch Beseitigung der Chöre selbst ihre eigene Beseitigung finden könnten; bald war es wieder die musikalische Bildung und Ubung an sich, welche man in Anspruch nahm, indem man sie als etwas betrachtete, was gar leicht von dem Ernst wissenschaftlicher Studien abziehe und dem Hange zur LZerstreuung, zu welchem ohnehin das jugendliche Alter geneigt genug sei, einen nicht zu
¹) Oskar Jäger(Lehrkunst und Lehrhandwerk S. 42) sagt bezüglich des„technischen“ Faches Schreiben: ...„der Versuch, den Schreibunterricht durch einen akademisch vorgebildeten Lehrer, der ohne Schreibtechniker zu sein, das Charisma einer besonders schönen Handschrift besass, verwalten zu lassen, ist damals an einer Anstalt in der That gemacht worden. Es kommt vielleicht eine Zeit, wo jene These garnicht mehr paradox klingt.“— Sie muss kommen!
Der ideale Musiklehrer am Gymnasium.
Ausbildungs- kurse für Gesanglehrer.
Wider- strebende Elemente.


