Aufsatz 
Beiträge zur Frage der rationelleren Gestaltung des Gesangunterrichtes an den Gymnasien : mit besonderer Berücksichtigung der hessischen Verhältnisse
Entstehung
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1893-94 das Programm des Viktoria-Gymnasiums zu Potsdam, des Realgymnasiums zu Borna, der Stiftungsschule zu Hamburg hervor, ohne damit vollständig sein zu wollen, aus denen des Jahres 1896-97 den Jahresbericht des Berlinischen Gymnasiums zum grauen Kloster, des Köllnischen Gymnasiums und des Königstädtischen Gymnasiums zu Berlin.

Sie alle kommen aber nicht über ęine mehr oder weniger detaillierte Aufzühlung derjenigen musikalischen Elemente, die gelehrt wurden, über die Einteilung des Chores und die durch denselben eingeübten Kompositionen hinaus. Wenn ich aber in einem Programm lese:Einführung in die gebräuchlichsten Taktarten, Bindezeichen, Fermate, Schluss- und Wiederholungszeichen u. S. w.,« so darf ich mit Recht fragen, was der betreffende Gesanglehrer in der Zeit getrieben hat, die übrig bleiben muss, nachdem diese sich doch wohl aus dem Unterricht selbst ergebenden, mit wenigen Worten erläuterten Dinge erledigt sind. Wir haben doch Gymnasiasten vor uns, die Lateinisch und Griechisch treiben! Sollten diese wirklich weniger schnell erfassen können, was ein Bindezeichen, was eine Fermate ist?

So kommen schliesslich alle Angaben doch nur darauf hinaus, zu erklären, dass der Gesang- unterricht dazu da sei, um die Festlichkeiten der Schule zu verschönern. Wenn er aber nur dazu da ist und das scheint eine weitverbreitete Ansicht zu sein dann gäbe man ihm besser den Gnadenstoss! Dass der Schülerchor die Festlichkeiten der Schule mit seinem Gesang verschönere, liegt in der Natur der Sache, die Vorbereitungen aber zu den wenigen) Festen, die thatsächlich in Betracht kommen, dürfen nur geringe Zeit in Anspruch nehmen und werden dies auch thun, sobald ein gesunder und nutzbringender Unterricht während des ganzen Schuljahres und im Verlauf der Jahre die hier nötigen Fundamente gelegt hat. Oder will jemand leugnen, dass ein Primaner, der seit Sexta wöchentlich zweimal Singstunde erhielt, nicht imstande sein müsste, vom Blatt zu singen? Wenn er dies aber kann, dann bedarf es nur noch kurzer Anweisungen, um ihn instand zu setzen, bei öffentlichen Feiern mitzuwirken. Und wenn man auch zugiebt, dass beispiels- weise der Quartaner noch nicht so geschult ist wie der Primaner, gut, so mögen ein paar Stunden mehr verwandt werden, viel werden es aber nicht sein. Ihre Zahl verringert sich sogar erheblich, wenn man bedenkt, dass die jüngeren Schüler, welche die melodieführende Stimme zu singen haben, nicht unwesentlich durch die mechanische Nachahmung der vorgespielten Melodie unterstützt werden, die Altisten dagegen(Tertianer) bereits so geschult sein müssen, dass sie ohne besondere Schwierigkeiten ihren Part erlernen. 1

Die rein Wenn dies alles Utopien wären, wenn die jedesmalige Einübung eines Chores eine rein musikalische mechanische Eindrillung wäre, wie sollte man da beispielsweise den Forderungen gerecht werden Ausbildung. können, die 1864 von zwei berufenen Lehrern im Auftrag des preussischen Ministeriums festgelegt

wurden(abgedruckt in Fleckeisens Jahrb. Bd. 110(1874) S. 577 ff.), und die unter Verwerfung jeglicher mit Instrumentalbegleitung gesetzter Musik nur diejenigen Kompositionen in der Schule gelten lassen wollten, die spätestens bis zu der Zeit des 18. Jahrhunderts reichten.

Jene Männer gingen von einer rein musikalischen Ausbildung unserer Schüler aus. Sie verkannten die vorliegenden ungünstigen Verhältnisse, die ein Erreichen ihrer Vorschläge fast unmöglich machen, sie verkannten aber auch die Grenzen, die dem Gesang-(Musik-) Unterrichte auf der Schule gesteckt sind. Die Erfahrung hat es gelehrt und wird es lehren: als eigentliches- Fach wird die Musik nie in der Schule festen Fuss fassen. Denn so wenig wir in der Schule Philologen, Mathematiker oder Zeichner und Turner erziehen, so wenig auch Musiker. Wenn demnach alle in der Schule gelehrten Gegenstände eine harmonische Verbindung eingehen müssen, wie sollte da für die Musik eine Ausnahmestellung berechtigt sein? Thatsächlich aber nimmt die Musik heutzutage diese Stellung ein.

Hieraus erklärt sich zum grossen Teil der Widerstand, den viele Kollegen meist durch gänzliche Interesselosigkeit an den Bestrebungen zur Besserung der Verhältnisse unserem Fache entgegensetzen.

Ganz anders wird dies werden, wenn auf den Gymnasien die Musik in harmonische Verbindung mit den übrigen Fächern treten wird, wenn man ein Lehrziel steckt, das allen erreichbar ist und dabei ein sicheres Fundament für die spätere Weiterausbildung gewährt. Ganz anders wird dies werden, wenn wir unseren Schülern durch den Unterricht die UÜberzeugnng auf den Lebensweg mitgeben, dass musikalische Bildung heutzutage so gut wie im Altertum ein wesentliches Erfordernis

¹) In Hessen die Geburtstagsfeier des Kaisers und des Grossherzogs.