Aufsatz 
Beiträge zur Frage der rationelleren Gestaltung des Gesangunterrichtes an den Gymnasien : mit besonderer Berücksichtigung der hessischen Verhältnisse
Entstehung
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Der Mangel an jeder pädagogischen Erfahrung und in vielen Fällen der pädagogischen Erziehungsfähigkeit, erklärt es, dass die meisten der das Konservatorium verlassenden Schüler und zukünftigenLehrer absolut nicht den Aufgaben gewachsen sein können, die an sie gestellt werden müssen. Sie stehen in ihrer Bildung den Forderungen eines Gymnasiums meist fern und sind somit nur schwer imstande, auf diese einzugehen. Mag sich dies bei dem einen weniger fühlbar machen, als bei dem anderen(der Durchschnitt dürfte jedoch der soeben gekennzeichnete sein), so wird die Zahl der etwa in Betracht kommenden Lehrer für höhere Schulen noch kleiner werden, falls es ihnen zur Aufgabe gestellt wird, wie dies unser Vorschlag zu einem Lehrplan für die Gymnasien thut, die richtige Verbindung des Gesangunterrichts mit den übrigen in Betracht kommenden Fächern herbeizuführen.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass öfters selbst hochbedeutende musikalische Kräfte nur geringe oder schlechte Leistungen mit dem Gymnasiastenunterricht erreichen, einzig und allein, weil sie für ihre Bestrebungen nicht den günstigen Boden zu erringen imstande sind. Unter ihnen giebt es gar manchen, der nur mit Schrecken an die Unterrichtsstunde im Gymnasium denkt, und der gerne auf sein Amt verzichten würde, wäre er nicht gezwungen, Geld zu verdienen, selbst unter solchen Umständen. Die hohen Ideale solcher Männer lassen sich nun nicht einmal mit den realen Verhältnissen, in die sie kommen, vereinigen. Nicht geringe Schuld an den Misserfolgen trägt auch der Umstand, dass der Fachmusiker auf der Schule nur Fachunterricht erteilen will und häufig auch nur kann, während ein gedeihlicher Musik-(Gesang-) Unterricht einzig und allein auf dem Grunde einer harmonischen Verbindung des Gesangunterrichts mit den übrigen Fächern zu erreichen ist.

Der Umstand, dass der technische Fachlehrer in einem nur ganz äusserlichen Verhältnis zur Schule steht, erklärt es, dass diese Lehrer unbehelligt ihren eigenen Weg gehen können, deren es gerade bei den Musikern so viele giebt, als Musiker selbst. Sie finden dazu keine Kontrolle, als höchstens die bei öffentlichen Aufführungen, und treiben, was ihnen beliebt. UÜber ihre Thätigkeit kann man sich nur informieren, wenn man die in den jährlichen Programmen verzeichneten Notizen nachliest.

Mit den spärlichen Notizen der Lehrplänel) halten diese Spezialnotizen der Gesanglehrer gleichen Schritt. Kaum findet sich ein Programm, welches eingehender den Gesangunterricht bespricht. Von den wenigen, die hier eine Ausnahmestellung einnehmen, hebe ich aus dem Jahre

Anschauung gewonnen habe. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind nicht besonders schön, jedoch kann ich hier des weiteren mich nicht darüber verbreiten. Nur einiges mag erwähnt sein. Schon bei der sog. Aufnahmeprüfung durfte ich mich weidlich ärgern über die hierbei zu Tage tretende Leichtfertigkeit. Im Laufe der Zeit erkannte ich bald, dass jeder verloren sein müsste, der nicht in sich selbst die Kraft fühle, das sich selbst gesteckte Ziel einer allgemeinen musikalischen Bildung zu erreichen. Ich will schweigen von der bodenlosen Unkenntnis, die sich in rein musikalischen, wie allgemein wissenschaftlichen Dingen bei den Schülern breit machen konnte, ohne Anstoss zu erregen, schweigen von der Interesselosigkeit der Lehrer an dem Entwickelungsgang der Schüler. Nie hat mich als Lehrer der Gedanke verlassen können, dass in jenen Räumen das Bewusstsein, für die anvertrauten Schüler dereinst mit bestem Wissen und Gewissen Rechenschaft ablegen zu können, nur zu häufig fehle. Nach aussenhin glänzen, während der grössere Teil der Institutsangehörigen kaum eine Rolle sptelt, durch Schaustellungen virtuoser Leistungen dem Publikum ein X für ein U vorzumachen, mit einer möglichst grossen Schülerzahl in den Konkurrenzkampf der Anstalten einzutreten, das schien mir in diesem ganzen Betriebe die Haupt- sache zu sein. Und nun die pädagogische Weisheit, die hier zur Schau gestellt ist! Nichts weiter, als dass Virtuosen gedrillt werden, die ihre Finger zwar in der Gewalt haben, aber in vielen Fällen selbst der elementarsten Bildung entbehren. Wenn anders die Konservatorien Schulen sein wollen, dann können und dürfen sie nicht ausschliesslich

für solche Zwecke missbraucht werden! Weiteres kann ich hier nicht berühren, ich verweise daher auf einen

Aufsatz, den ich vor Jahresfrist veröffentlichte, und dessen Hauptinhalt aus einem Berichte derFrankfurter Zeitung in viele Blätter überging, a) hier erübrigt es noch, aus den kurz angedeuteten Verhältnissen, die auf den meistenb) unsrer Conservatorien herrschen, die Schlüsse zu ziehen, die für unsre Aufgabe sich ergeben.

a)Auswendigspielen und Auswendigdirigieren(Centralblatt 1897 Nr. 1. 2. 3.)

b) Unter der geringen Zahl der Konservatorien, welche die wissenschaftlichen Studien, die bei den meisten Schülern eines Konservatoriums nie richtig zum Abschluss gebracht sind, gebührend berücksichtigen, nimmt das Prager Konservatorium eine Ausnahmestellung ein. Einzelne deutsche Konservatorien scheinen jetzt auf dem Wege der Besserung zu sein. Über Lehrerbildungskurse und über die Reorganisation der Konservatorien spricht Eccarius-Sieber in einer bei Schröter-Leipzig erschienenen Broschüre.

¹) Eigentliche Lehrpläne für den Gesangunterricht giebt es nur für die Volksschule. Unser hessischer Lehrplan für die Gymnasien beschränkt sich wie der preussische, der jedoch dem Singen nicht einmal die Ehre, in einem eigenen Abschnitt behandelt zu werden, giebt, auf ganz kurze Notizen. In Bayern existiert überhaupt kein Lehrplan, vielmehr setzt das Ministerium nur die Stundenzahl fest und überlässt alles übrige dem Rektor. (Riemann, über Schulgesangsverhältnisse in Nord- und Süd-Deutschland. Musikpädag. Blätter Jahrg. 1 Nr. 5. S. 81.)

Die Notizen über Schulgesang- unterricht in den Programmen.