Aufsatz 
Über den höchsten Zweck des grammatischen Unterrichts in der deutschen Sprache / vom Conrektor Schmidtborn
Entstehung
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men ſind inzwiſchen rückſichtlich ihres Einfluſſes auf Vermehrung der Denkkraft weſentlich von einander verſchieden, indem jene den Lehrſtoff als einen aus der Erfahrung entnommenen und vorzugsweiſe nur mit dem Gedächtniß zu behaltend überliefert; dieſe dagegen den Schüler ver⸗ anlaßt, durch eigne Kraftanſtrengung denſelben zu finden, feſt zu ſtellen und als einen dunkel in ihm liegenden ins Licht ſeines Bewußtſeins zu verpflanzen. Bei jener Lehrform verhält ſich darum der Schüler faſt paſſiv, ſofern der Lehrer den Stoff als einen fertigen ihm darbietet und er denſelben bloß aufnimmt; bei dieſer aber in hohem Grade activ, ſelbſtdenkend und ſelbſtſchaffend, ſofern er unter Leitung des Lehrers von einem Bekannten, von einer äußeren oder inneren Anſchauung oder auch von einer bereits erworbenen Erkenntniß ausgeht und von hier aus prü⸗ fend, ſuchend(heuriſtiſch) und überlegend einen neuen oder auch einen höheren Begriff, ein neues Urtheil, eine allgemeine Regel, ein feſtes Geſetz u. ſ. w. ſelbſtthätig ableitet und als ein von ihm gefundenes Gei⸗ ſteseigenthum ſich erringt*).

Das Leiten von Seiten des Lehrers beſteht in wahrhaft entwickeln⸗ den und nicht in Scheinfragen. Sie ſind das wahre und einzige Mittel, durch welches der Lehrer in einen lebendigen und erregenden Wechſelver⸗ kehr mit dem Geiſte des Lehrlings tritt, durch welches er ſeinem Denken die einzuſchlagende Richtung vorzeichnet, es einem Gegenſtande zuwendet, und bei ihm ſo lange feſthält, bis er aus den Antworten und Anwen⸗ dungen zur Gewißheit gekommen iſt, daß er den ihm unverrückt vor⸗ ſchwebenden Punkt erreicht oder daß er über das zu begreifende Object

) Anmerk. 1. Roſſel:»Der Sprachunterricht iſt nur dann ein guter, wenn der Schuͤler die Sprachregeln durch eignes Betrachten und Bemuͤhen ſich zum Bewußtſein bringt, wenn er ſie ſelber findet und ſo durch anhal⸗ tendes Suchen und Finden, Anſchauen und Anwenden endlich die Stufe be⸗ tritt, wo er des Lehrers nicht mehr bedarf, um ſelbſt Regeln zu bilden.«

Anmerk 2. Vernaleken, uͤber den Zweck und Gebrauch der Beiſpiel⸗ Grammatik pag. 15:»Der Lehrer ſoll die Regeln nicht von vorn herein geben und auseinanderſetzen, ſondern dieſelben an den Anſchauungsbeiſpielen entwickeln, damit der Schuͤler erſt an dem vorgefuͤhrten Material die Sprach⸗ geſetze entdecken lerne.«