Aufsatz 
Über den höchsten Zweck des grammatischen Unterrichts in der deutschen Sprache / vom Conrektor Schmidtborn
Entstehung
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Während ſo unter günſtigen Einflüſſen von Außen das die Sprach⸗ entſtehung vorzüglich bedingende Denkvermögen ſicher vorſchreitet, gebührt nicht minder den ſich am Frühſten äußernden Gefühlen nebſt dem ſich bald nachher offenbarenden Willen eine ſorgfältige Beachtung, auf daß neben der Wortſprache für Wahrnehmungen, Vorſtellungen, Begriffe und Urtheile auch die der Gefühle und Willensäußerungen nicht zurückbleibe, ſondern mit der⸗ ſelben gleichen Schritt halte und gleiche Vollkommenheit erlange.

Das Weſen der Sprache, wie der angedeutete erſte ſprachliche Ent⸗ wicklungsgang beweiſen ſomit, daß eine Förderung des angeborenen Sprach⸗ vermögens von Seiten anderer Menſchen nicht allein möglich, ſondern ſelbſt nothwendig iſt, ja daß ſogar eine abſichtliche und gerade zu auf Erhöhung

Anmerk. 3. Allgem. Schulz. 1838, Nro 100: Graͤfe's Methode.»Die erſte Stufe des Unterrichtes umfaßt das Haus, welches dem Kinde nach ſei⸗ nen Gegenſtänden, dem Unterſchiede derſelben, nach ſeiner Ordnung, Farbe, Ausdehnnng u. ſ. w. in Anſehung des Zwecks, Gebrauchs und Nutzens der Theile, ſowie der Entſtehung zum klaren Bewußtſein gebracht wird.

Anmerk. 4. Gruner's Erziehungslehre pag, 209:»Das Beduͤrfniß der Sprache liegt ſo tief in dem Weſen der menſchlichen Natur, daß wir uns gedrungen fuͤhlen werden, den Ausdruck durch die Sprache mit Anſchauun⸗ gen, welche wir unſern Kindern geben oder ſie aufnehmen ſehen, wohl noch fruͤher zu verbinden, als wir ermeſſen koͤnnen, daß es ihnen Beduͤrfniß und erſprießlich iſt u. ſ. w.«

Anmerk. 5. Hoch ſchlage ich die Mitwirkung der Mutter zur geiſtigen und ſprachlichen Entfeſſelung an. Ihre ſanfte Stimme dringt zum Kindes⸗ herz, entflammt das Gefuͤhl der Liebe, lockt das der Freude hervor, feſſelt des Kindes Aufmerkſamkeit, und fordert daſſelbe auf, nachahmend zu verſu⸗ chen, ob es dieſelben Mundbewegungen vornehmen, die vernommenen Toͤne bervorbringen, und ob es endlich, nachdem die Muskelkraft der Sprachor⸗ gane ſich gekraͤftigt hat, ganze Woͤrter und ſpaͤter auch Saͤtze vernehmlich zu machen vermoͤge. Niemand als die Mutter weiß ſich anfangs dem Kinde ganz verſtaͤndlich zu machen. Sie allein verſteht die Kindesſeele wie das leiſeſte Zeichen ſeiner leiblichen Beduͤrfniſſe und kann ihm darum auch die eigentliche Sprachmutter werden, indem ſie allen mißlungenen Proben des Kindes, das richtige Wort zu treffen, ſtets mit Geduld, oft mit großer Freude uͤber das Originelle der Offenbarung, belehrend nachhilft und taͤg⸗ kich ihm Anleitung gibt, ſein Sprachvermoͤgen zu uͤben, ſeine Anſchanung zu vermehren und zu vervollſtaͤndigen, 9 8