12
Die Sprache iſt aber dem Erwähnten zufolge nicht blos als das Ver⸗
mögen, die Innenwelt vernehmlich zu machen, ſondern zugleich auch als et⸗ was Gewordenes, oder als ein Produkt des inneren Dranges, das Exiſtenz
ſchließen, weil die Kraft der Rede unſerer Thaͤtigkeit eine zweckmaͤßige Rich⸗ tung verſchaffen, die Befriedigung unſerer Beduͤrfniſſe erleichtern und unſe⸗ rem Gemuͤthe mehr Mannichfaltigkeit und Reiz gewaͤhren kann; darum ver⸗ einigen wir uns in Familien, Geſellſchaften und Staat; darum knuͤpfen ſich Verbindungen unter allen Voͤlkern und Welttheilen; darum iſt die Menſch⸗ heit ein Ganzes, wo ſich alles verwandt fuͤhlt, alles einander anzieht und nach Zuſammenhang ſtrebt.
Anmerk. 3. Herder: Zugabe uͤber den Urſprung der Sprache p. 200: »Durch die Sprache lernen wir vernuͤnftig denken, nur durch die Sprache unſere Vernunft und Empfindungen, unſere Geſinnungen und Erfahrun⸗ gen andern mittheilen Sprache iſt das Band der Seelen, das Werkzeug der Erziehung, das Medium unſerer beßten Vergnuͤgungen, ja aller geſell⸗ ſchaftlichen Unterhaltung. Sie verknuͤpft Eltern mit Kindern, Staͤnde mit Staͤnden, den Lehrer mit den Schuͤlern, Freunde, Buͤrger, Genoſſen,
Menſchen.⸗
8
Anmerk. 4. Scheidler, die Lebensfrage der europaͤiſchen Civiliſation u. ſ. w., Jena 1839. Die Erziehung des Menſchen zum menſchlichen Daſein beſteht aber nicht in jener elterlichen Aufnaͤhrung und Entwicklung, welche wohl auch bei den Thieren angetroffen wird, vielmehr beſteht ſie in jenem bildenden Einfluß, welchen der geſellige Verkehr der Menſchen auf alle Indi⸗ viduen, auf ihre Art zu ſein, zu denken und zu fuͤhlen hervorbringt. Waͤh⸗ rend die Thiere fuͤr ſich ſchon vollendet aus den Haͤnden der Natur her⸗ vorgehen, hat der Menſch erſt von der Mitwirkung ſeines eignen Geſchlechts ſeine Ausbildung zu erwarten. Der Wilde, welcher iſolirt im Walde lebt,
entwickelt keine anderen Faͤhigkeiten, als diejenigen, welche er mit den kluͤ⸗
geren Thieren theilt, und geſtaltet ſein Daſein nicht viel anders, wie das rein animaliſche; die Unendlichkeit der hoͤheren Kraͤfte und Zuſtaͤnde, worin das ſpecifiſche Merkmal der Humanitaͤt beſteht, kommt nur durch den geſell⸗ ſchaftlichen Verkehr zum Vorſchein.«
Anmerk. 5. Vergleiche Aristotel. Polit. I, 1, 9; Cic. fin. III, 10. Senec. de benef. IV, 18. 4*
Anmerk. 6. Schwarz, Erziehungslehre 31 Thl. pag. 204: Die Sprache verbindet geiſtig durch Aeußerungen ein Inneres mit dem andern. Durch die Sprache wendet ſich das Innere eines Menſchen zu dem des andern, ſo mittheilend, wie empfangend; ſie iſt das geiſtige Weſen, welches den Or⸗ ganismus der Menſchenwelt gleichſam durchſtroͤmt, um die Vernunft des


