Aufsatz 
Über den höchsten Zweck des grammatischen Unterrichts in der deutschen Sprache / vom Conrektor Schmidtborn
Entstehung
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ſprüngliches Verlangen zu ſprechen, denn mit ihnen will er in einen nãhe⸗ ren geiſtigen Verkehr treten, d. h. er will ihnen theils das in ſeinem In⸗ neren liegende offenbaren, theils das in ihrer Seele vorgehende erfahren,

denn der Menſch ſpricht, weil er denkt und mit der Verrichtung des Den⸗ kens iſt zugleich die Verrichtung des Sprechens gegeben.«

Anmerk. 2. Die wichtigſten Hypotheſen uͤber die Entſtehung der Sprache ſind folgende. Man gab die Sprache 1) entweder fuͤr ein unmittelbares Geſchenk Gottes, oder 2) fuͤr ein Produkt der Uebereinkunft der Menſchen untereinander, oder 3) fuͤr ein Menſchengebilde zur Befriedigung des Ver⸗ kehrs derſelben aus. Erſtere Anſicht laͤßt Alles unerklaͤrt; den beiden letzte⸗ ren liegt die Idee zu Grunde, daß die Sprache ein abſichtliches Erzeugniß des Menſchengeiſtes, d. i. ein Kunſtwerk und Kunſtprodukt ſei. Hr. Ben⸗ der dagegen, den man den Repraͤſentant der neueren Sprachauffaſſungs⸗ und Behandlungsweiſe nennen darf, erklaͤrt ſich dahin, daß die Sprache ei⸗ nen Organismus bilde, in welchem keine Willkuͤr zu finden ſei, weil alle Theile in nothwendigem Verhaͤltniß ſtuͤnden und ſich auf den all gemeinſten Gegenſatz jeder organiſchen Differenz, d. i. der Thaͤtigkeit(Geiſt) und des Seins(Materie) gruͤndeten, und daß darum die Sprache fuͤr ein aus der Einrichtung des menſchlichen Organismus nothwendig entſpringen⸗ des Produkt gehalten werden müſſe. Hr. Hoffmeiſter, der geiſt⸗ reichſte und wiſſenſchaftlichſte, jedoch zu ſehr unbeachtet gebliebene Beurthei⸗ ler und Gegner des Hrn. Becker in ſeiner Schrift: Eroͤrterung der Grund⸗ ſaͤtze der Sprachlehre, mit Beruͤckſichtigung der Theorien Becker's, Herling's, Schmitthenner's u. A, Eſſen 1830, beſtreitet zwar mit ſcharfſinnigen Gruͤn⸗ den die Behauptung des Hrn. Becker: die Sprache ſei ein Organismus, raͤumt indeſſen doch auch ein, daß ſie ein Naturprodukt des menſchlichen Geiſtes, welche unter dem Einfluß ſeiner Selbſtthaͤtigkeit ſtehe, ſei. Dieſe Selbſtthaͤtigkeit ſei nicht ſchaffend,(2) ſondern nur nach nothwendigen Ge⸗ ſetzen beſtimmend. Daher muͤſſe ihr ein Stoff(ſinnlicher?) gegeben werden, an dem ſie ſich ſelbſtthaͤtig erweiſen koͤnne.(22) In der Sprache muͤſſe die⸗ ſer Stoff doppelter Art ſein: ein logiſcher und ein phonetiſcher u. ſ. w. Als ein Naturprodukt und als Verkoͤrperung des Geiſtes muͤſſe der Entwick⸗ lungsgang der Sprache gleichen Schritt halten mit dem des Geiſtes, und alſo muͤſſen drei Stufen der Sprachentwicklung unterſchieden werden: 1) Stufe der Sinnlichkeit, 2) des Gebrauchs(der Gewohnheit) und 3) der Reflerion. So entgegengeſetzt dieſe Anſichten auf den erſten Blick ſcheinen mögen, ſo verwandt ſind ſie dennoch in ihrem tieferen Weſen, da beide die Sprache als das nothwendige Offenbarungsmittel der Menſchennatur an⸗ nehmen, da letztere nur dem Verſtand mehr Einfluß als erſtere einraͤumt,