Aufsatz 
Beschreibung des Gymnasial-Erweiterungsbaues
Entstehung
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verübelt wird? Und was bedeutet die mitleidige Neugier, die den Fischer aus seiner nahen Hütte an den See führt, gegen die unerbittliche Grau- samkeit, mit der die missratenen Töchter den schwachen, alten Vater, ein gekröntes Haupt, von ihrem schützenden Dach in den ausbrechenden Orkan hinausstossen!

Man sieht, der Vergleich fällt sehr zu Ungunsten Schillers aus, und doch war der Grund, der ihn zu dieser Entlehnung des Motivs verleitete, eines echten Dichters würdig. Bei Shakespeare III, 1 sagt der Ritter von Lear:

Er rauft sein weisses Haar, das schonungslos

Der wilde Sturm in blindem Wüten packt,

Und will in seiner kleinen Menschenwelt

Des Winds und Regens Wettkampf übertrotzen. Das muss es gewesen sein, was Schiller anzog, die hochdramatische Art, wie Shakespeare den wildaufgeregten Lear mitten in das Toben der Elemente hineinstellt, ja ihn mit denselben wetteifern lässt. Der Wute der Elemente in der wild aufgeregten Leidenschaft des Menschen ein Seitenstück zu geben und sie dadurch doppelt wirksam dem Zuschauer zu Gemüte zu führen, das war die Aufgabe, die nach Shakespeares Vor- gang Schiller seinem Fischer zugedacht hatte, dessen Schultern sich jedoch für diese dramatische Last als zu schwach erweisen. Dadurch wird die ganze ergreifende, ja erschütternde Wahrheit des Shakespeareschen Motivs vernichtet, ein Beweis, dass an einer derartigen Entlehnung einer poetischen Idee selbst ein grosser Dichter scheitern kann.

Das Übrige ergiebt sich einfach. Um die Aufregung des Fischers zu motivieren und das spätere Erscheinen Tells um so wirksamer zu gestalten, bringt Kunz von Gersau(früher war es der Fischerknabe) die Nachricht von dem nahen Tode Attinghausens und der Gefangennahme Tells.

Noch eine mehrfach umstrittene Frage harrt schliesslich der Er- ledigung. Haben wir in dem Fischer und seinem Knaben wirklich den uns aus dem Anfang des Dramas bekannten Ruodi und seinen Gehülfen Jenni zu erkennen? Wie kommen beide auf dies östliche Seeufer? Haben sie etwa ihre I, 1 von den Landenbergischen Reitern zerstörte Hütte ver- lassen und sich am jenseitigen Ufer angesiedelt, oder besassen sie drüben eine zweite? Auch sonst ergeben sich aus der Identität Ruodis und des Fischers manche Unzuträglichkeiten. Wie stimmt mit seinem Freiheits- drang die kalte Abweisung Baumgartens, wie mit der Wortfülle hier die knappe Redeweise dort? Wollte ihn der Dichter damit etwa charak- terisieren, viele Worte, wenige Thaten oder solche, die keine Heldenthaten sind(V, 1)? Wohl schwerlich, da Ruodi durchaus eine untergeordnete Rolle spielt.

Und dennoch zwingt der Text des Dramas, wie er jetzt vorliegt, in dem Fischer Ruodi zu erkennen. Ganz am Schluss wird Jenni namentlich