Aufsatz 
Die Verwendung der Heimatkunde im Geschichtsunterricht / von Friedrich Schmidt
Entstehung
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Bei der Auswahl der Sagen sind diejenigen zu bevorzugen, die ein heimatliches Interesse für uns haben. Aus der Göttersage gehört hierher das wilde Heer und die Rodensteinsage. Aus der Heldensage interessiert uns besonders die Siegfriedsage, die so viele Beziehungen zu unserer Heimat hat, und die Lohengrinsage wegen der Abstammung unseres Fürstenhauses von Sophie von Brabant.

Weit mehr Beziehungen zur Heimat finden sich in der geschichtlichen Sage. An unsere nähere und fernere Umgebung knüpfen an: Wie Seligenstadt entstand, Eginhard und Emma, der Franken Furt, Hans Winkelsee, der Messerschmied von Frankfurt, Willegis, Ritter Georg von Frankenstein, der Schatz auf dem Auerbacher Schloss u. a. Der hessischen Geschichte sind entlehnt: Heinrichs II. Sohn Otto der Schütz, Heinz von Lüder, Ludwig V. und der treue Köhler, Ludwig VIII. und die Zigeuner.

Im Vordergrunde aber müssen die thüringischen Sagen ¹) stehen. Sie haben allge- mein bildenden Wert. Wie für die religiöse Entwicklungsreihe die jüdischen Patriarchen, so sind für die profane die thüringischen Landgrafen Ausgangspunkt. Es sind ferner deutsche Nationalsagen. Wie Thüringen selbst ein Bindeglied bildet zwischen Nord- und Süddeutsch- land, so sind die thüringischen Sagen für die ganze Nation von Bedeutung. Für Hessen aber haben diese Sagen ein besonderes Interesse wegen der einstigen Zusammengehörigkeit Hessens und Thüringens.

Wie der Sexta die Behandlung der Sage zufällt, so gehört der Quinta die Einführung in die Geschichte an. Der hessische Lehrplan bestimmt darüber: In V wird eine Anzahl von Bildern aus der deutschen Geschichte bis zu Kaiser Wilhelm I. durch den Lehrer vor- geführt.

Es soll also in Quinta kein fortlaufender Geschichtsunterricht erteilt werden, sondern in einzelnen Geschichtsbildern werden den Schülern die Hauptwendepunkte der nationalen Entwicklung zur Anschauung gebracht.

Die Behandlung muss dem kindlichen Drang nach phantasievollen Erzählungen Rech- nung tragen. Denn das jugendliche Interesse verlangt phantasiereiche, ins Detail gehende Er- zählung, welche sich mit der Behandlung von Zuständen und Handlungen, Ort, Zeit und Personen gleichmässig befasst. Heldenhafte Persönlichkeiten müssen aus dem Gesamtbild reliefartig hervorragen, da der menschlichen Persönlichkeit und ihren Thaten das jugendliche Interesse vorwiegend zugewandt ist.

Bei der knappen Zeit, die dem Unterricht zur Verfügung steht, kann nur eine be- schränkte Zahl von Bildern vorgeführt werden, z. B.: Arminius und die Römer, Bonifatius und das Christentum, Karl der Grosse, Otto der Grosse, Friedrich Barbarossa, Maximilian und die Anfänge der Reformation, der grosse Kurfürst, Friedrich der Grosse, Blücher und die Befreiungskriege, Kaiser Wilhelm und das neue deutsche Reich. ²)

Als Ausgangspunkt für die Behandlung der einzelnen Bilder werden Gedichte empfohlen. Das Gedicht versetzt uns in die Stimmungen und Gefühle anderer Zeiten mitten hinein und regt unsere Phantasie an. Es greift das Wesentliche aus Thatsachen und Zuständen heraus und stellt es in einem künstlerisch geformten Bild dar.

¹) Göpfert, die Verwertung der deutschen Sagen im Unterricht, Z. V. w. P. XIX 1 und XX 201.

²) Vergleiche zu dieser Auswahl: Frick, Materialien für den Geschichtsunterricht in Quinta, L. P. 2, S. 98; Frick, zur Stoffauswahl für den Geschichtsunterricht in Quinta, L. P. 28, S. 39; Schiller, einheitliche Ge- staltung und Vereinfachung des Gymnasialunterrichts, Halle 1890, S. 46; Franz Schmitt, der Unterricht in Quinta nach dem Konzentrationsprinzipe, II. Teil, Programm des Gymnasiums zu Giessen 1894, S. 2.