Aufsatz 
Die Verwendung der Heimatkunde im Geschichtsunterricht / von Friedrich Schmidt
Entstehung
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Beilage zum Programm des Grossherzoglichen Gymnasiums in Bensheim, Ostern 1896.

Die Verwendung der Heimatkunde im Geschichtsunterricht.

Von

Dr. Friedrich Schmicdt.

Was der Schüler auf seinen Wanderungen erreichen, mit seinen Augen beherrschen kann, der ganze Umkreis alles dessen, mit dem er in einen steten trauten Verkehr treten kann, ist seine Heimat. Eine Welt im kleinen soll der heimatliche Horizont dem Schüler sein, das Ur- und Musterbild der grossen Welt. Er soll in diesem engen Umkreis alles das sozusagen als Modell vorfinden, was der Unterricht ihm nur als Phantasiegebilde vorführen kann.¹) Für den Sextaner ist die Heimat ein eng begrenztes Gebiet, aber je älter der Schüler wird, desto weiter wird man den Heimatsbegriff fassen dürfen. Unsere Primaner kennen Aschaffen- burg, Frankfurt, die Saalburg, Mainz, Oppenheim, Worms, Mannheim, Schwetzingen, Speier, Heidelberg aus eigener Anschauung, und selbst Wimpfen, Erbach und Seligenstadt können sie auf zweitägigen Touren erreichen.

Die Heimatkunde, die Kunde von der Heimat, beschäftigt sich mit dem heimat- lichen Boden und mit den Bewohnern des heimatlichen Gebietes. Wir unterscheiden demnach eine natürliche und eine geschichtliche Heimatkunde. Wie sich jene mit den Lehrgegenständen naturkundlicher Art verbindet, so steht diese mit dem Geschichtsunterricht in engem Zusammen- hang. Während bei den meisten Darstellungen die natürliche Heimatkunde im Vordergrund steht, soll hier der Versuch gemacht werden, die geschichtliche Heimatkunde*) und ihre Verwendung im Geschichtsunterricht zu behandeln.

Man wird heutzutage nicht mehr verlangen, dass die geschichtliche Heimatkunde als besonderer Unterrichtsgegenstand eine Art Vorstufe für den Geschichtsunterricht bilden solle, dass die Geschichte der Heimat, der Landschaft, des Stammes der Reihe nach zu behandeln seien, ehe der Schüler an die vaterländische und allgemeine Geschichte herangeführt werde. Denn die Geschichte der Heimat ist nur zu verstehen im Zusammenhang mit der Geschichte unseres ganzen Vaterlandes. Und es wäre ein engherziger Standpunkt, wenn man auf irgend einer Stufe des Unterrichts den Knaben bei der einseitigen Betrachtung der Geschichte einer

1) Rott, Heimatskunde, Berlin 1891, S. 7. ²) Frick, Bemerkungen über das Wesen und die unterrichtliche Pflege des Heimatsgefühls, Lehrproben und Lehrgänge 29, S. 18 und Frick, die neuesten für die königlichen Kadettenanstalten bestimmten Unterrichts- bücher, L. P. 29, S. 31. Programm Nr. 642. 1