Aufsatz 
Beiträge zur inneren Geschichte Athens in der zweiten Hälfte des peloponnesischen Krieges / von Ferd. Schmidt
Entstehung
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blick, in dem er sich am Ziel seiner Wünsche sieht, erfolgt sein jäher Sturz durch den mit Recht so berüchtigten Hermocopidenprocess. Die wichtigsten Thatsachen aus ihm sind bekannt genug, und es liegt meiner Aufgabe fern, die Reihe von Processen kritisch zu unter- suchen, die der Verstümmelung der Hermen folgen und schliesslich den Alkibiades zu Fall bringen. In diesem Zusammenhange kommt es mir wesentlich auf die offenen oder ver- deckten Parteibestrebungen, die während des Processes hervortreten, und auf die Schlüsse an, welche sich daraus auf den damaligen Demos ziehen lassen.

Der jähe Sturz des Alkibiades war unmöglich, wenn seine Stellung zu dem Demos noch unerschüttert gewesen wäre. Innerlich gebrochen war dieselbe zunächst durch das Misslingen der auf den Peloponnes gesetzten Pläne, hauptsächlich aber durch den Ueber- muth und die Zügellosigkeit, mit der er gegen jeden Einzelnen verfuhr, ja Sitte und Gesetz verhöhnte, während er dem in der Ekklesia vertretenen Demos schmeichelte und ihn durch einen unwiderstehlichen Zauber an seine Person fesselte. Auf diese Weise hatte er sich eine Menge Privatfeinde zugezogen, die alle nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um ihr Müthchen an ihm zu kühlen. Aber auch an politischen Gegnern fehlte es ihm nicht; sie finden sich sowohl im Lager der Demokraten als der Aristokraten. Beide Parteien hegen einen tiefen Groll gegen ihn, weil er sie daran hinderte, die erste Rolle im Staate zu spielen. ¹¹) Eine Aristokratie im alten und guten Sinne des Wortes, wie sie zur Zeit des Perikles von Kimon und dem älteren Thukydides vertreten wurde, ist in dieser Zeit in Athen kaum mehr anzutreffen. Das Kennzeichen des edleren Theiles der Aristokraten, die Nikias führt, ist Schwäche und Furcht vor dem Demos; ihr Widerspruch gegen die sicilische Ex- pedition verhallt wirkungslos. Eine sehr gefährliche Macht besitzt der entartete Theil der Aristokraten, die man richtiger Oligarchen nennt. Sie erstreben nicht eine Beschränkung der Ausschreitungen des Demos in der Weise, dass eine gemässigte Demokratie die Grund- lage der Verfassung bleibt, sondern sie suchen die Demokratie gänzlich zu stürzen und die Herrschaft einer bevorrechteten Minderzahl an ihre Stelle zu setzen, selbst auf die Gefahr hin, Athen unter Sparta beugen und verrathen zu müssen. Dass es schon vor der sici- lischen Expedition Oligarchen mit solchen Zielen und Plänen in Athen gab, bis sie dann im Hermocopidenprocess und bei der Aufrichtung der Herrschaft der Vierhundert ihre ge- fährliche Macht und die Gesammtheit ihrer Umtriebe entfalteten, scheint mir sicher zu stehen, trotzdem dass es an schlagenden Beweisstellen fehlt. Denn ich kenne keine andere Erklärung für die Verblendung des Demos während jenes Processes. Gefährlich wurden diese Oligarchen ganz besonders durch die Stiftung von geheimen Verbindungen gleichge- sinnter Männer, die sie zur Durchführung ihrer Pläne gebrauchten, der sogenannten&raioeici.

Grundverschieden sind politische Gesellschaften oder Clubs dieser Art von denjenigen, die wir früher finden, als die Demokratie noch unverdorben war. Auch Aristides, Themi- stokles, ja selbst der grosse Perikles waren von Hetärieen umgeben, um bei der Durch- führung ihrer Absichten eng verbundene Genossen zu haben und ihre Person nicht überall in den Vordergrund treten zu lassen; namentlich ist dies von Perikles bekannt, der sehr

¹¹) Thuc. 6, 28, 2.