Aufsatz 
Erklärende Bemerkungen und Verbesserungsvorschläge zu einigen Stellen unserer Schulklassiker
Entstehung
Einzelbild herunterladen

- 14

über Vergil bestand, eine Weissagung auf den Primat des Papstes darin erblicken. Zuletzt hat die Stelle mein College, Herr Dr. Maurer, im 2. Nachtrag zu seinen cruces philologicae(Mainz, Diemer 1884) behandelt. Nachdem er eine Betonung der Wichtigkeit einer ästhetischen und ethischen Interpretation vorausgeschickt hat, fasst auch er den pater Romanus als römischen Bürger, aber im engeren Sinne als Familienvater und entwirft nun ein reizendes Bild, wie dieser römische Familienvater die beiden opfermutigen Jünglinge seinen Söhnen als leuchtende Muster zur Nacheiferung hinstelle, mit dem Anfügen, dadurch gewinne auch imperium habebit erst einen schönen Sinn, das imperium Rom. gewinne nur so lange Bestand, als solche Gesinnung von den Vätern bei den Söhnen gepflegt werde. Das römische Erziehungsbild, das er so entwirft, ist um so reizender, als wir sonst aus dem Altertum kaum etwas derartiges haben dürften, das sich ihm an die Seite stellen liesse; es ist so schön, dass es einem fast wehe thut, es mit rauher Hand samt dem schönen Sinn von imperium habebit zerstören zu müssen; ich sage zerstören zu müssen, denn leider ist es bei näherer Betrachtung nur in der Phantasie des Erklärers, nicht in den Worten des Dichters vorhanden.

Zunächst muss denn doch wohl die Verbindung der beiden Sätze durch que in's Auge gefasst werden, die auf eine Erweiterung und einen Abschluss des vorausgehenden Gedankens hinweist, also andeutet, dass zu den Wortenso lange Römer in Rom wohnen noch etwas demselben Gleichartiges, mit demselben Zusammengehöriges und es zu einem Ganzen Abschliessendes folge. Dann würde imperium habere, sowohl von einem als von allen Familienvätern gesagt, etwas sehr Ungewöhnliches sein; der pater familias hat kein imperium, er hat vielmehr die patria potestas, und alle zusammen haben ihren Söhnen gegenüber auch nichts anderes. Es liegt aber gerade in dem Ausdruck imperium habebit der Schlüssel, der das Verständnis des ganzen Satzes und damit auch des pater Romanus eröffnet. Fragen wir, wer war in Rom der Träger des imperium gegenüber den exterae gentes die Herrschaft über diese bildet nämlich die mit que angedeutete Erweiterung und den Abschluss des ganzen Gedankens so wird die Antwort lauten müssen: Der römische Senat, und der eben ist es, der mit pater Romanus und zwar deutlich, wenn auch in der un- gewöhnlichen synekdochischen Form des Singulars statt des gewöhnlichen Plurals patres Romani bezeichnet wird. Und so hat, wie ich sehe, auch schon Forcellini die Stelle aufgefasst, indem er dieselbe in seinem Lexicon unter patres= senatores anführt. Der ungewöhnliche Gebrauch des Singulars pater Romanus hat so den ganzen Wirrwarr in der Auffassung der Stelle und damit auch die Verdunkelung des Ausdrucks domus Aeneae veranlasst. Die Stelle heisst also: Keine Zeit soll je das Andenken an euch verwischen, so lange des Aeneas Geschlecht am unerschütter- lichen Felsen des Capitols wohnt und der römische Senat die Herrschaft hat, oder schärfer: so lange Römer in Rom wohnen und die römische Weltherrschaft besteht. Und gegen diesen Sinn der Worte dürfte wohl nichts einzuwenden sein.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine andere Stelle desselben Dichters nicht unerwähnt lassen und zwar wegen der sonderbaren, um nicht zu sagen abgeschmackten Erklärung, die sich bei derselben bis in die neueste Zeit fortgepflanzt hat und noch weiter fortpflanzen zu wollen scheint. Es ist Aen. I, 402 Dixit et avertens rosea cervice refulsit Ambrosiaeque comae divinum vertice odorem Spiravere. Hier traut man seinen Augen kaum, wenn man bei Ladewig die Er- klärung liest: Die Götter salbten sich mit Ambrosia. Auch in das Schulwörterbuch zur Aeneis von Koch, das zwar für unsere Stelle die Bedeutung von ambrosius mit ambrosisch, unsterblich richtig giebt, hat sich für ambrosia 12, 419(nicht 219, wie irrtümlich angegeben) die Erklärung: Salböl der Götter eingeschlichen. Die sonstigen neueren Ausgaben und Er-