Aufsatz 
Erklärende Bemerkungen und Verbesserungsvorschläge zu einigen Stellen unserer Schulklassiker
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

stellern überhaupt, so insbesondere bei den Dichtern vom höchsten Werte, denn sie giebt dem Verständnisse und der geistigen Aufnahme erst die rechte Weihe und entschädigt gleichsam durch den Genuss, den sie bietet, für die oft saure Mühe der Durcharbeitung des Lesestoffs. Aber wie dieselbe so geradezu ein notwendiges Erfordernis der Interpretation ist, dem man ja darum auch immer mehr und mehr Rechnung zu tragen sucht, so birgt sie auf der anderen Seite auch gar leicht eine Gefahr in sich, und diese Gefahr beruht darin, dass sie wegen des Anziehenden und Reizvollen, das sie bietet, leicht die Neigung im Gefolge hat, diese ästhetische Seite bei der Er- klärung allzusehr in den Vordergrund treten zu lassen, und dass dann in gar manchen Fällen dem Erklärer, wie man zu sagen pflegt,der Gaul durchgeht. Sie pflegt eben in diesem Falle oft ein Hindernis zu sein, das diesen bei der Erklärung nicht minder wichtige Seiten ihr zuliebe übersehen lässt. Ich möchte das an der folgenden Stelle des Vergil darlegen. Der Dichter hat im 9. Buche von V. 176 an geschildert, wie die beiden von seiner Phantasie geschaffenen jugend- lichen Heldengestalten Nisus und Euryalus im todesmutigen Kampfe für die Gründung des jungen römischen Reiches ihr Leben geopfert, und schliesst die Episode V. 446 49 mit dem Epiphonem:

Fortunati ambo! si quid mea carmina possuut.

Nulla dies unquam memori vos eximet aevo,

Dum domus Aeneae Capitoli immobile saxum

Accolet imperiumque pater Romanus habebit.

Hier sind es in den Versen 448 und 49 die beiden Ausdrücke domus Aeneae und pater Romanus, die sehr im unklaren sind und darum den Streit der Erklärer und Herausgeber erregt haben. Den ersteren versteht man jetzt so ziemlich allgemein von den Nachkommen des Aeneas im engeren Sinn, den Alleinherrschern aus dem Julischen Geschlechte, findet also in V. 448 eine Schmeichelei gegen die domus Augusta, die dem Dichter ja recht wohl zuzutrauen wäre. Wäre dem aber wirklich so, was sollte da die Bemerkung: so lange des Aeneas Haus am unerschütter- lichen Felsen des Capitols wohnt? Doch wohl nicht den Leser aufmerksam machen, dass der Palatin, auf dem die Wohnung des Augustus war, in der Nähe des Capitols lag? Wäre wirklich das Herrscherhaus des Augustus unter der domus Aeneae zu verstehen, dann wäre doch nur der Gedanke passend: so lange des Aeneas Haus die Herrschaft hat, und es müsste sich das folgende imperium habebit darauf beziehen, wie denn einige unter dem pater Romanus auch wirklich den Alleinherrscher Augustus verstanden wissen wollen. Kann aber die domus Aeneae nicht von dem Julischen Hause verstanden werden, weil die Verbindung mit Capitoli immobile saxum accolet matt und nichtssagend wäre, was soll sie denn bedeuten? Wie der Ausdruck Aeneadae bei Vergil und in der römischen Dichtersprache im engeren Sinne die Nachkommen des Aeneas, im weiteren aber nicht nur alle Trojaner bezeichnet, die den Aeneas auf seiner Auswanderung begleiteten, sondern auch deren spätere Nachkommen, die Römer(so 8, 648, bei Ovid an verschiedenen Stellen, Lukrez de rer. nat. 1, 1), gerade so auch dessen Umschreibung domus Aeneae, und diese Römer, das römische Volk, bezeichnet es auch hier, und der gewiss passende Gedanke ist: so lange Römer am unerschütterlichen Fels des Capitols, d. h. so lange Römer in Rom wohnen. So ist der Ausdruck klar, und es wird dabei die Bedeutung des Capitols nicht nur als Hauptpunkt und gleichsam Centrum der Stadt, sondern auch dessen sagenhafte Bedeutung für die römische Weltherrschaft gebührend hervorgehoben, vgl. Liv. 1, 55, 6.

Weit mehr gehen die Ansichten bezüglich der Auffassung des pater Romanus auseinander: die einen sehen, wie gesagt, darin den Augustus, andere den Jupiter Capitolinus, andere wieder den römischen Bürger; Gossrau meint, man könne, nach der Ansicht, die ja im Mittelalter vielfach