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lassen. Diese letztere Ansicht erscheint bei unbefangener Prüfung als die gerechtfertigte und hat darum mit Recht in letzter Zeit die Oberhand behalten, wie das auch Paehler in dem oben an- geführten Aufsatz S. 178— 84 begründet und als nach griechischer Anschauung mit dem sonstigen geraden und offenen Charakter des Helden als durchaus nicht unverträglich erweist. Ja, nach der ganzen Anlage des Stückes ist Ajas zu einem solchen Vorgehen geradezu gezwungen: im An- gesichte von Weib und Kind, im Beisein seiner Salaminier kann er sich den Todesstoss nicht geben; das entspricht einmal nicht der Würde des Helden selbst, der in Ruhe und mit einer ge- wissen Feierlichkeit, nachdem er von allem, was ihm im Leben lieb gewesen, Abschied genommen, seinen Feinden aber seinen Fluch zurückgelassen, sterben muss, es erfordert aber auch, dass der Anblick des Grässlichen dem Auge der ihm so nahe Stehenden entzogen bleibe. So wenig nun aber das Zelt der Schauplatz des blutigen Auftrittes sein kann und darf, so wenig kann der Held den eigentlichen und wahren Zweck seiner Entfernung nach dem einsamen Waldthal am Meeres- strande, das allein Zeuge seiner letzten Herzensergiessungen und seines Selbstmordes sein soll, seiner Umgebung mitteilen; denn erneute Vorstellungen und Beschwörungen, Versuche ihn zurück- zuhalten oder lästige Begleitung auf diesem seinem letzten Gange müssten die unausbleibliche Folge sein. Darum notwendiger Weise also die Verstellung, die allein die Beruhigung seiner Um- gebung, die ungehinderte und ungestörte Ausführung seines unabänderlichen Entschlusses und damit die richtige Weiterentwickelung und den Abschluss der Handlung sichern kann. Dass dabei mehr- fache versteckte Andeutung seiner wirklichen Absicht mit unterläuft, die nur ein sehr aufmerksames Ohr des Eingeweihten versteht, die aber von Tekmessa und dem Chor in der freudigen Erregung ihres Herzens überhört wird, das entspricht ebensowohl einer Eigentümlichkeit Sophokleischer Dar- stellungs- und Ausdrucksweise und hat, wenn auch unter veränderten Umständen und in anderer Absicht, seine Parallelen in anderen Stücken desselben(Oed. tyr. 337, Phil. 429, Elect. 1324 u. 25 u. s. w.), als dem Geschmacke der Athenischen Zuhörerschaft, die dergleichen feine Andeutungen eines Doppelsinnes liebte, wie sie überhaupt einen Bestandteil der bekannten sales Attici gebildet zu haben scheinen.
Dass diese vorgebliche Sinnesänderung aber nicht plötzlich und ohne weitere Veranlassung stattfinden kann, ist selbstverständlich; denn es wäre doch recht sonderbar, wenn der nämliche Ajas, der sich vorher allen Bitten und Vorstellungen seines Weibes unzugänglich erwiesen und sie sogar mit erzwungener Schroffheit behandelt hat, jetzt ohne alle weitere Begründung und Veran- lassung erklären wollte, er sei geradezu umgestimmt, als ob er sich etwa im Zelte die Sache besser überlegt hätte; das trüge den Charakter des Sonderbaren und Unwahrscheinlichen an sich und stimmt nicht mit der Gemütsverfassung des Helden. Vielmehr ist in den Worten ο6 ε1σα⁴έ rijs yvvaixõs und besonders in dem zνε(vorher, wo es ja der Chor gehört hatte) in V. 650, wie Wolff ganz richtig gesehen, deutlich genug gesagt, dass das eine Folge erneuter Bitten und Beschwörungen Tekmessa's sei, die diese nach dem ioαæνννα während des ersten Stasimons im Zelte an ihn gerichtet hat. Es ist darum auch anzunehmen, dass Tekmessa selbst von dieser scheinbaren Sinnesänderung bereits unterrichtet sei, und dass die jetzige Erklärung derselben seitens des Ajas nur dem Chor gelte. Es muss darum auch am Schlusse des zweiten Epeisodion Tekmessa sich in das Zelt begeben haben und darum die entgegengesetzte Ansicht von Enger und Blümner, der sich auch Paehler anzuschliessen geneigt ist, zurückgewiesen werden.
Ob nun schon in dem Ausdruck Gαπαα der ersten Stelle ein solcher Doppelsinn gefunden werden dürfe, so dass Ajas damit sage, er sei nur in seiner Rede geschmeidig geworden, sein Sinn und Entschluss dagegen sei und bleibe fest, mag unentschieden bleiben, obwohl eine solche Auf-


